{"id":2296,"date":"2023-10-08T04:44:33","date_gmt":"2023-10-08T04:44:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/?p=2296"},"modified":"2023-10-11T08:23:36","modified_gmt":"2023-10-11T08:23:36","slug":"das-verschwinden-der-illusionisten-die-buchbranche-und-ihre-uebersetzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/das-verschwinden-der-illusionisten-die-buchbranche-und-ihre-uebersetzer\/","title":{"rendered":"Das Verschwinden der Illusionisten \u2013 die Buchbranche und ihre \u00dcbersetzer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:1.73rem\">Bei der bevorstehenden Buchmesse wird einmal mehr eines unter den Tisch fallen: dass es sich n\u00e4mlich bei einem Gutteil der dort gleich hallenweise feilgebotenen Titel um \u00dcbersetzungen handelt. Dass folglich buchst\u00e4blich kein Wort, von dem, was in einem dieser B\u00fccher steht, von seinem Autor stammt, sondern von seinem Statthalter im jeweiligen Land. Umberto Eco, Roddy Doyle, Dan Brown, J.K. Rowling, Michel Houellebecq \u2013 wer deren B\u00fccher auf Deutsch liest, der liest sie in \u00dcbersetzung und damit das Werk eines \u00dcbersetzers.<\/p>\n\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die <strong>W\u00fcrdigung seiner Arbeit<\/strong>, die W\u00fcrdigung der Tatsache, dass es \u2013 um ein Klischee zu bem\u00fchen \u2013 <strong>ohne den \u00dcbersetzer keine Weltliteratur<\/strong> g\u00e4be, ist es allerdings gar nicht so toll bestellt, wie man meinen m\u00f6chte, h\u00e4lt man ihr Ausma\u00df gegen die Tatsache, dass hierzulande ohne ihn kaum einer je von <strong>Don Quijote<\/strong>, <strong>Candide<\/strong> oder <strong>Moby Dick<\/strong> geh\u00f6rt h\u00e4tte, geschweige denn dass sich jemand daran als geneigter Leser h\u00e4tte erfreuen k\u00f6nnen. Umgekehrt gilt das nat\u00fcrlich auch f\u00fcr unsere Autoren, sei es ein <strong>Patrick S\u00fcskind<\/strong>, ein <strong>Heinrich B\u00f6ll<\/strong> oder ein <strong>G\u00fcnter Grass<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Der Leser einer \u00dcbersetzung ist sich dieser Tatsache meist nicht bewusst. Er liest in der <strong>Illusion, das Werk des Autors zu lesen<\/strong>. F\u00fcr ihn steht der Name des Autors au\u00dfen drauf und auf der Klappe und innen drin; f\u00fcr ihn ist die \u00dcbersetzung das Original. Nun, gegen Illusionen ist an sich nichts einzuwenden. Wer gibt sich nicht gern den Illusionen eines <strong>David Copperfield<\/strong> hin? Und ist Lesen an sich nicht schon eine Art Illusion, das Gelesene selbst zu erfahren? Nur ist der Illusionist hierbei in der Regel nicht weniger gefragt als die Illusion. <strong>Karl May<\/strong>, <strong>Edgar Wallace<\/strong>, <strong>Georges Simenon<\/strong>, wir lesen die Werke dieser Leute, weil ihre \u2013 sprich gro\u00dfe \u2013 Namen dahinter bzw. darauf stehen. Und f\u00fcr <strong>David Copperfield<\/strong> gilt das nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00dcbersetzer dagegen ist ein Illusionist, der praktisch mitsamt seiner Illusion verschwindet. Es mutet schier absurd an: W\u00e4hrend der Beifall f\u00fcr einen <strong>David Copperfield<\/strong> proportional zum Erfolg der Illusion steigt, scheint der \u00dcbersetzer proportional zum Gelingen seiner Illusion zu verschwinden. Wenn es nichts zu monieren gibt, k\u00f6nnte man sagen. Der Leser wird nicht dem \u00dcbersetzer applaudieren, er wird g\u00fcnstigstenfalls umso brennender nach der n\u00e4chsten Portion <strong>Hannibal Lector <\/strong>von <strong>Thomas Harris<\/strong>, nach dem n\u00e4chsten <strong>Harry Potter<\/strong>-Abenteuer von <strong>J.K. Rowling<\/strong> gieren.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/bovar1y.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"136\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/bovar1y.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2645\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Dem \u00dcbersetzer selbst mag das zun\u00e4chst mal recht sein; er steht beim Leser und selbst in der Branche f\u00fcr den Autor. Und wenn der Erfolg hat, dann steht er selbst besser da.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Und wenn heute irgendwo ein Buch in \u00dcbersetzung erscheint, dann steht darin&nbsp; \u2013 in der Regel \u2013 der Name des \u00dcbersetzers. Er ist der \u00bb<strong>Urheber<\/strong>\u00ab der \u00dcbersetzung. Geregelt wird diese Nennung in Deutschland durch den \u00a713 des Urheberrechtsgesetzes, laut dem der Urheber \u00bb<strong>das Recht auf Anerkennung seiner Urheberschaft am Werk<\/strong>\u00ab hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/mord_k.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/mord_k.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2642\" style=\"height:297px\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/mord_k.jpg 452w, https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/mord_k-187x300.jpg 187w\" sizes=\"(max-width: 452px) 100vw, 452px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Das ist \u00fcbrigens durchaus nicht immer so gewesen; ganz im Gegenteil, fr\u00fcher war das ganz und gar nicht normal. Sehen Sie mal in alten B\u00fcchern nach: der \u00dcbersetzer ist so gut wie nie genannt. Meist fehlt sogar jeder Hinweis darauf, dass es sich \u00fcberhaupt um eine \u00dcbersetzung handelt. \u00bbAutorisirte Uebersetzung\u00ab finde ich in einem Titel aus dem Jahres 1878. \u00bbEin Roman nach dem Englischen\u00ab hei\u00dft es fast schon\u00a0 kryptisch in der \u00dcbersetzung eines Krimis aus dem Jahre 1900. Und in der kleinen Ausgabe der <strong><em>Frau Bovary<\/em><\/strong>, die ich hier vor mir liegen habe, immerhin noch aus dem Jahre 1948, wird weder auf eine\u00a0 \u00dcbersetzung hingewiesen, noch der \u00dcbersetzer genannt. ##Das oben abgebildete h\u00fcbsche Lesezeichen stammt zwar aus dem B\u00fcchl und ist an sich eine gute Idee; aber wenn das verloren geht&#8230;##<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>Da hat sich, zugegeben, einiges ge\u00e4ndert.<\/strong> Aber das Problem der <strong>doppelten Urheberschaft<\/strong> bleibt bestehen, der \u00dcbersetzer sollte nach wie vor seine Arbeit machen und dann in der Versenkung verschwinden, und das spiegelt sich eben im weiteren Umgang mit ihm. So h\u00f6rt interessanterweise mit der Nennung in der Titelei eines Buches die zitierte \u00bbAnerkennung der Urheberschaft\u00ab auch oft bereits wieder auf. Was einer ganzen Reihe von \u00dcbersetzern aufst\u00f6\u00dft. Sie wollen ihre Arbeit, ihren Anteil an dem Werk, auch \u00fcber die Titelei des Buches hinaus mehr gew\u00fcrdigt sehen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6glichkeiten, den \u00dcbersetzer zu vergessen, gibt es einige, auch \u00fcber das Vers\u00e4umnis, ihm die rechtlich zugesicherte Anerkennung der Urheberschaft zu gew\u00e4hren hinaus. Was \u00fcbrigens durchaus vorkommt. Man kann den \u00dcbersetzer in der Titelei einer \u00dcbersetzung vergessen. Ist mir selbst schon passiert. Oder seinen Namen falsch schreiben. Ist mir auch schon passiert. Bei \u00fcbersetzten Zeitungsartikeln wird er eher gerne vergessen. Und im Falle von H\u00f6rb\u00fcchern scheint seine Nennung, Rechtslage hin oder her, offensichtlich auch eher Gl\u00fccksache. Wichtig sind hier der Autor und der Schauspieler, der den Text liest. Aber wie gesagt, im Prinzip steht die Nennung dem \u00dcbersetzer in diesen F\u00e4llen zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Anders verh\u00e4lt es sich mit den F\u00e4llen, in denen von einer eigentlichen <strong>Nutzung des Werkes<\/strong> keine Rede mehr sein kann. <strong>Rezensionen<\/strong> sind hier das beste Beispiel; aber auch die <strong>Verlagswerbung<\/strong> selbst geh\u00f6rt hier herein. Bei <strong>Rezensionen<\/strong> in Zeitungen und Magazinen sieht es recht tr\u00fcbe aus. Hier reicht der Platz oft selbst f\u00fcr den Hinweis auf die Ausstattung des betreffenden Titels \u2013 Schutzumschlag und Leseb\u00e4ndchen werden erw\u00e4hnt \u2013, f\u00fcr den \u00dcbersetzer reicht der Platz nicht; Sie k\u00f6nnen nachz\u00e4hlen, in gut zwei Dritteln von Rezensionen wird er schlicht nicht genannt. Es gibt selbst F\u00e4lle, bei denen oft ausgiebig aus \u00dcbersetzungen Text abgedruckt wird, ohne dass der Name des \u00dcbersetzers f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/auto7r.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/auto7r.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2648\" style=\"height:297px\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/auto7r.jpg 441w, https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/auto7r-182x300.jpg 182w\" sizes=\"(max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was alles in allem wom\u00f6glich nicht zuletzt daran liegt, dass hier schon die Verlage beim Werbematerial schlafen. Man braucht nur auf <strong>Verlagswebseiten<\/strong> zu schauen, die Nennung des \u00dcbersetzers ist selbst bei gro\u00dfen Verlagen nicht selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <strong>Verlag<\/strong> muss sich schon etwas von der Nennung des \u00dcbersetzers versprechen, um wirklich konsequent Sorge daf\u00fcr zu tragen, dass der \u00dcbersetzer genannt wird; <strong>Harry Rowohlt<\/strong> ist sicher ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Leider auch daf\u00fcr, dass es wom\u00f6glich wichtig ist, noch einige andere Eisen im Feuer zu haben, um als \u00dcbersetzer tats\u00e4chlich zu z\u00e4hlen.<br>Wie auch immer, <strong>Harry Rowohlt<\/strong> ist definitiv ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass auch der Name eines \u00dcbersetzer ziehen kann; vielleicht sollten also Verlage schon im eigenen Interesse etwas f\u00fcr den Namen des \u00dcbersetzers tun. Die Banderole \u00bbDeutsch von <strong>Eike Sch\u00f6nfeld<\/strong>\u00ab, die Kiepenheuer vor ein paar Jahren der Neu\u00fcbertragung des <em><strong>F\u00e4ngers im Roggen<\/strong><\/em> spendiert hat, ist ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht sollte der <strong>B\u00f6rsenverein<\/strong> des deutschen Buchhandels oder wer auch immer Jahr f\u00fcr Jahr die Buchmesse unter das Zeichen eines speziellen Landes stellt, eine solche Messe mal <strong>unter das Zeichen der Berufsgruppe stellen, die diese immerhin weltweite Buchmesse erst m\u00f6glich macht: der des \u00dcbersetzers<\/strong>. Immerhin k\u00f6nnte ohne ihn jedes Land sich auf seine eigene nationale Buchmesse beschr\u00e4nken; die Verlage br\u00e4uchten ihre Titel nicht teils um die halbe Welt nach Frankfurt zu zerren. Es mag ein Klischee und als solches abgegriffen sein, aber es ist trotzdem nicht dran zu r\u00fctteln:\u00a0 <strong>erst der \u00dcbersetzer macht Nobelpreistr\u00e4ger und Weltliteratur<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der bevorstehenden Buchmesse wird einmal mehr eines unter den Tisch fallen: dass es sich n\u00e4mlich bei einem Gutteil der dort gleich hallenweise feilgebotenen Titel um \u00dcbersetzungen handelt. Dass folglich buchst\u00e4blich kein Wort, von dem, was in einem dieser B\u00fccher steht, von seinem Autor stammt, sondern von seinem Statthalter im jeweiligen Land. 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