{"id":322,"date":"2010-09-16T07:59:45","date_gmt":"2010-09-16T07:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/?page_id=322"},"modified":"2024-05-31T05:42:39","modified_gmt":"2024-05-31T05:42:39","slug":"ubersetzen-als-handwerk","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/kleine-werkschau\/ubersetzen-als-handwerk\/","title":{"rendered":"\u00dcbersetzen als Handwerk"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Kunst \u00fcberlasse ich lieber dem Autor&#8230;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>\u00bb<strong>W\u00f6rter haben ihre Schicksale wie Menschen und B\u00fccher; und das Auf und Nieder einer Wendung ist oft kaum weniger anr\u00fchrend als das eines Menschen.\u00ab<\/strong>\u00a0 <\/em>\u2013 <em>Brander Matthews<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Schlimm genug also, dass sie in einer \u00dcbersetzung ganz anderen W\u00f6rtern und Wendungen weichen m\u00fcssen, n\u00e4mlich denen einer anderen Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Und um diese <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Pathetic_fallacy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>pathetic fallacy<\/em><\/a> weiterzuspinnen: Das Mindeste, was so einem Wort geb\u00fchrt ist, sich in der anderen Sprache durch ein tats\u00e4chlich entsprechendes Wort, eine tats\u00e4chlich entsprechende Wendung vertreten zu sehen. Oder um das umzukehren, W\u00f6rter haben es eben nicht verdient, beim \u00dcbersetzen \u2013 oder dem, was so ein Worth\u00e4ndler&nbsp; daf\u00fcr halten mag \u2013 durch ein anderes, praktisch beliebiges Wort ersetzt, ohne n\u00e4here Betrachtung ihres Sinns also, will sagen der Funktion, die sie in einem Kontext erf\u00fcllen sollen, in eine andere Sprache gezerrt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Und hier kommt die <strong>handwerkliche<\/strong> Seite des \u00dcbersetzens ins Spiel. Dem \u00dcbersetzer werden diese W\u00f6rter und Wendungen zum Rohmaterial daf\u00fcr, die \u00bb<strong>\u00dcbersetzung als Illusion<\/strong>\u00ab aufrecht zu erhalten, wie die britische Kollegin Anthea Bell das genannt hat, die Illusion des Lesers n\u00e4mlich, das Original in der Hand zu halten. Diese Illusion l\u00e4sst sich, f\u00fcr mich jedenfalls, nur dadurch wahren, indem man das vom Original vermittelte \u00bb<strong>Leseerlebnis<\/strong>\u00ab so getreu als m\u00f6glich nachzustellen versucht.<br>Die Illusion ist in dem Augenblick in Scherben, in dem ich auf einen Satz wie diesen sto\u00dfe:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Da auf sein Klopfen keine Antwort kommt, entfernt sich Byron von der Veranda, geht um das Haus herum und tritt in den kleinen, abgeschlossenen Hinterhof.<br>(Faulkner, <em>Licht im August<\/em>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ich muss hier \u00fcber ein Wort nachdenken, von dem ich mir \u2013 ohne einen Blick ins Original zu werfen \u2013 sicher sein kann, dass <strong>Faulkner<\/strong> seinen Leser hier nicht stutzen sehen will. Ich denke aber sofort: <em>Warum \u00bbentfernt\u00ab man sich von einer Veranda, um hinters Haus zu gehen? \u00bbSich entfernen\u00ab suggeriert eben genau das, n\u00e4mlich \u00bbEntfernung\u00ab? In welchem Abstand geht der Betreffende denn um dieses Haus? Und m\u00fcsste nicht erkl\u00e4rt werden, warum er einen solchen Bogen um das Haus macht. Man k\u00f6nnte sich eventuell von der Veranda entfernen, um am Haus nach oben zu sehen. Aber wie \u00bbentfernt\u00ab man sich \u00fcberhaupt von einer Veranda, wenn man sich eben noch darauf befindet? Wie sonst h\u00e4tte man klopfen sollen?<br><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Das sind spontane Fragen, die mich um das <strong>Leseerlebnis<\/strong> bringen. Ich schlage also im Original nach, das im Regal gleich neben der \u00dcbersetzung steht, und finde:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">When his knock gets no response, Byron leaves the porch and goes around the house and enters the small, enclosed back yard.<br>(Faulker, <em>Light in August<\/em>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Nichts an diesem n\u00fcchternen Satz soll einen stutzen lassen. \u00bbHe leaves the porch.\u00ab Er \u00bbverl\u00e4sst\u00ab die Veranda zun\u00e4chst einmal. Ein Entfernen im Sinne von \u00bbDistanz zwischen sich und ein Objekt bringen\u00ab ist hier nicht suggeriert. Man m\u00fcsste nun die Beschreibung des Hauses andernorts im Roman zur Hand nehmen, aber Tatsache ist ja wohl, dass eine Veranda sich durch einen gewissen H\u00f6henunterschied auszeichnet und \u00bbleave\u00ab nichts anderes bedeutet, als dass jemand diesen H\u00f6henunterschied \u00fcberwindet, indem er einen Schritt nach unten tut oder mehrere, falls irgendwo von einer Treppe die Rede ist. Diesen Sinngehalt gilt es zu \u00fcbersetzen. Und hier kann man wie immer mehrere Wege gehen.<br>Haarspalterei? Mitnichten. Die w\u00fcrde ich erst sehen, w\u00fcrde ich eine sinngehaltlich korrekte \u00dcbersetzung diskutieren.<br>Aber von mir aus, dann eben ein deutlicheres Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Jawohl. Die Anklagejury tritt heute zusammen. Sondersitzung. Der M\u00f6rder soll \u00fcberf\u00fchrt werden.<br>(Faulkner, <em>Licht im August<\/em>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Anklagejurys sind nicht dazu da, Menschen des Mordes zu \u00bb\u00fcberf\u00fchren\u00ab. \u00bb\u00dcberf\u00fchren\u00ab, das bedeutet, \u00bbjemandem eine Schuld an etwas nachweisen\u00ab, und ist Sache der Polizei. Das ist ein Sachverhalt, der mit \u00dcbersetzen zun\u00e4chst gar nichts zu tun hat. Eine Anklagejury hat dar\u00fcber zu befinden, ob die von der Polizei zusammengetragenen Beweise ausreichen, dem Betreffenden \u2013 er ist noch nicht angeklagt! \u2013 den Prozess zu machen. Ob diese Beweise f\u00fcr die Erhebung einer Anklage ausreichen. Falls jemandem, wie mir jetzt, der entlastende Gedanke kommt, es k\u00f6nnte hier gemeint sein, den Mann \u00bbans Gericht zu \u00fcberf\u00fchren\u00ab, also zu \u00fcberstellen\u2026 Eine Ungenauigkeit wie das \u00bbEntfernen\u00ab von der Veranda? Aber technisch nicht falsch.<br>Werfen wir einen Blick ins Original. Da hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Yes, sir. Grand Jury meets today. Special call. To indict that murderer.<br>(Faulkner, <em>Light in August<\/em>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Und da haben wir es: \u00bbto indict\u00ab hei\u00dft nichts anderes als \u00bbanklagen\u00ab, \u00bbunter Anklage stellen\u00ab, \u00bbAnklage gegen jemanden erheben\u00ab. Es ist, wie ich gerade sehe, interessanterweise eines der wenigen W\u00f6rter, die keine zweite Bedeutung haben, also nichts anderes als \u00bbanklagen\u00ab bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ich hoffe, damit wenigstens angedeutet zu haben, was ich unter \u00bb<strong>\u00dcbersetzen als Handwerk<\/strong>\u00ab verstehe. Eben nicht gro\u00dfe Theorien, die dann vor der Tatsache versagen, dass ich nicht im Stande bin, an meinem Material, am Wort also, zu arbeiten, dann am Satz, diesen nach allen Regeln der Handwerkskunst zu formen. Mit dem <strong>Werkzeug, das dazu geh\u00f6rt<\/strong>, versteht sich: W\u00f6rterb\u00fccher, Lexika, Fachb\u00fccher, Datenbanken, Internet, Wortlisten, Konkordanzen, \u00dcbersetzungen etc. etc. Und eben <strong>Erfahrung<\/strong>. Vor allem Erfahrung. Die nie und nimmer zu ersetzen oder vorzut\u00e4uschen ist. Was n\u00fctzt einem eine komplett eingerichtete Autowerkstatt, wenn man nicht wei\u00df, was und wo eine Z\u00fcndkerze ist. Anders ausgedr\u00fcckt: Habe ich ein Sachbuch \u00fcber einen <a href=\"http:\/\/www.slangtimes.com\/bernhardschmid\/?p=267\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">New Yorker Mafiaprozess<\/a> \u00fcbersetzt, dann werde ich \u2013 sofern ich das mit meiner Einstellung, nach der \u00dcbersetzen in erster Linie ein Handwerk ist, erledigt habe \u2013 den Rest meines Lebens zwischen Polizei, Haftrichter und Anklagejury unterscheiden k\u00f6nnen. Auch bei William Faulkner.*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Falls Sie das als Verleger ebenso sehen und nicht f\u00fcr blo\u00dfe Aufschneiderei halten\u2020, dann <strong>versuchen Sie es doch mal mit einem Handwerker als \u00dcbersetzer<\/strong>. Er w\u00fcrde sich freuen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">* Was mich nicht davon abhalten w\u00fcrde nachzusehen, wie sich das an dem Ort und zu der Zeit, in der Faulkner seine Handlung anlegt, mit der Anklage tats\u00e4chlich verhielt. Aber selbst dann hie\u00dfe \u00bbto indict\u00ab noch \u00bbunter Anklage stellen\u00ab.<br>\u2020 Ich wei\u00df nicht, warum ein \u00dcbersetzer im Zeitalter der Werbung nicht auf nachweisbare Erfahrung hinweisen darf, ohne als Angeber dazustehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunst \u00fcberlasse ich lieber dem Autor&#8230; \u00bbW\u00f6rter haben ihre Schicksale wie Menschen und B\u00fccher; und das Auf und Nieder einer Wendung ist oft kaum weniger anr\u00fchrend als das eines Menschen.\u00ab\u00a0 \u2013 Brander Matthews Schlimm genug also, dass sie in einer \u00dcbersetzung ganz anderen W\u00f6rtern und Wendungen weichen m\u00fcssen, n\u00e4mlich denen einer anderen Sprache. 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