Gilbert Keith Chesterton – William Blake (4)

Zum eigenen wie zum allgemeinen Amüsement hier eine Übersetzung, an der ich – weil mich das Thema interessiert und ich Chesterton bewundere – gerade nebenher arbeite. Sie öffentlich zu veranstalten ist als Experiment gedacht. Sie lässt sich damit sowohl mitverfolgen als auch kommentieren. Bevor nicht die letzte Seite übersetzt ist, handelt es sich um einen ersten Durchgang, der bei mir freilich immer bereits lesbar sein muss; der Inhalt bereits veröffentlichter Passagen kann sich jedoch jederzeit ändern – je nach Bedarf, späterer Einsicht oder auf einen Ihrer sachdienlichen Hinweise hin.  Eine sinnvolle Verlinkung auf andere Websites ist ebenfalls angedacht; vielleicht entsteht so eine lesbare und nützliche Blake-Biographie.
Informationen zu G.K. Chesterton.
Das Buch finden Sie hier. © Das englische Original ist mittlerweile gemeinfrei; die Rechte an der Übersetzung liegen selbstverständlich bei mir.

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Gilbert Keith Chesterton
William Blake

John Linnel - William Blake at Work

[Teil 1][Teil 2][Teil 3][Teil 4]

Eine so elementare Lesart von Blakes Kunst­auf­fassung ist in diesem Stadium mitnichten deplatziert, so ungewöhnlich früh seine Über­zeugungen sich herausgebildet und gefestigt hatten; und seine Laufbahn ist ohne seine Ansichten praktisch nicht zu verstehen. Sie erscheint ohne diese exzentrisch genug. Flaxman hatte ihn in die literarischen Zirkel eingeführt, insbesondere die Abendgesell­schaften einer Ange­hörigen der Bluestockings Society. Bei Mrs. Matthews ließ man seine Verstandeskraft gewähren, auch wenn er als Person nicht sehr beliebt war. Die meisten seiner Biographen schreiben das seiner »unbeugsamen Haltung« zu sowie einer geradezu kindlichen Freimütigkeit, die man ihm gewiss nicht absprechen kann. Dies könnte aber auch damit zu tun gehabt haben, dass er zu frei erfundenen Melodien seine eigenen Gedichte zu singen pflegte; ich kann mich des Gedankens jedenfalls nicht erwehren. Seine Ansichten zu jedwedem Thema waren nicht nur unumstößlich, er ver­trat sie auch aggressiv. Als glühender Republikaner1 zog er über den König her.2 Aber wahrscheinlich war Mrs. Matthews glühende Republikaner, die über den König herzogen, gewohnt. Weniger mochte das für einen Herrn gelten, der darauf bestand, im Alltag die rote Freiheitsmütze zu tragen. 3 Man muss dazu sagen, dass Blakes politische Haltung nichtsdestoweniger dieselbe exzentrische Praxisnähe aufwies, die auch seine Weltfremdheit kennzeichnete; es war zweifelsohne seiner Geistesgegenwart zu verdanken, dass Tom Paine nicht auf dem Schafott umkam.4

Bei alledem hatte Blake weder etwas von einem schwächelnden Poeten, noch einem von der Mystik bezauberten Mondkalb. Falls der Mann wahnsinnig war, so ist dieser Wahn­sinn nicht weniger herauszustellen als der Mann. So verfügte Blake zum Beispiel trotz seiner sitzenden Lebensweise über einen außerordentlichen physischen Mut. Nicht das annehmbare Minimum an physischem Mut, das einem der eine oder andere konventionel­le Sport garantiert, sondern eine immanente Verachtung der Gefahr, eine Bereitschaft, sich unwägbaren Risiken auszusetzen. So griff er aus heiterem Himmel Männer an, die weit größer und stärker waren als er, und das mit einer Heftigkeit, dass sie ihrer eigenen Verblüfftheit erlagen. Er fiel einen Kutscher an wegen dessen groben Manieren einigen Frauen gegenüber und prügelte in höchster Aufregung auf ihn ein. Er griff einen Mann der Leibgarde an, der in seinen Vor­garten geraten war, und sorgte dafür, dass der er­staunte Krieger auf den Ellenbogen zurück auf die Straße kroch. Unbedingt muss man Lebhaftigkeit und Gewalt dieser physischen Ausbrüche bei der Beurteilung seiner psychischen Ausbrüche berücksichtigen; man darf sie nicht vergessen. Der einzige ernst­liche Mangel an Blakes moralischem Cha­rak­ter (ja, der einzige Mangel an ihm überhaupt) war seine Eigenheit, in seiner Wut nicht nur jeden Anstand, sondern auch Dankbarkeit und Wahrheit zu vergessen. So pflegte er über seine Wohltäter nicht weniger herzuziehen als über seine Feinde. Er hinterließ Epigramme, in denen er Flaxman einen Holzkopf nannte und Hayley (soweit die Worte zu verstehen sind) einen Verführer und Attentäter.5 Das Merkwürdige war jedoch, dass er dieselben Leute sowohl vor als auch nach derartigen Ausbrüchen immer wieder würdigte. Ich vermute, dass derlei Zeilen bei ihm plötzlichen Anwandlungen oder körperliche Bewegungen gleichkamen. Wir sprechen von einem Wort und einem Schlag; bei Blake hatte ein Wort denselben vorübergehenden Charakter wie ein Schlag. Es war kein Urteil, sondern eine Geste. Er hatte wenig oder gar kein Gespür für die Vorstellung, dass »litera scripta manet«.6 Er sah keinen besonderen Grund dafür, warum er jemanden nicht gern haben sollte, nur weil er ihn einige Tage zuvor einen Mörder geheißen hatte. Und er war in seiner Unschuld überrascht, wenn der Betreffende ihn nicht gern hatte. Er war in dieser Hinsicht vielleicht eher Frau als Mann.

Er hatte neben Flaxman noch zahlreiche weitere Freunde und Bekannte von Rang. Zu diesen gehörte der große Priestley,7 dessen Spekulationen den Kern des frühen Unitaris­mus ausmachten und dessen Sympathien für die Jakobiner zu einer Art Märtyrertum führten; andere Freunde waren der ungestüme Optimist Godwin8 und dessen Tochter Mary Woolstonecraft.9 Aber so viele neue Bekannte er auch machte, nur einer von ihnen erwies sich als Helfer. Dieser war ein gewisser Mr Thomas Butts, der am Fitzroy Square wohnte, wo er später ein Standbild erhalten sollte, als ewiges Modell und Inbegriff des Mäzens. In jeder anderen Hinsicht offensichtlich ein völlig vernünftiger britischer Kaufmann, entwickelte er eine Leiden­schaft für Blakes allegorische Ar­beiten. Nicht dass er ihm je einen Auftrag ge­geben hätte;10 er gab Blake einfach Geld für Bilder, so schnell Blake sie nur malen wollte. Sujet, Größe und Medium überließ er ganz dem Künstler. So kam es vor, dass Blake an einem Tag mit einem kleinen Aquarell wie »Soul of a Porcupine« zum Fitzroy Square kam; anderntags brachte er die Geburt Kains als prächtige und komplexe Illumination in Gold; am dritten Tag gab es ein gewaltiges Wandgemälde11 von Hector bei der Eroberung von Patroklos‘ Rüstung; am vierten dann kam er mit einer schlichten Zeichnung in Bleistift und Tusche des Propheten Habakuk. Mr. Thomas Butts vom Fitzroy Square nahm sie samt und sonders mit großem Wohlwollen entgegen und bezahlte sie Blake in bar. So mancher moderne Schriftsteller und Maler mag sich einen so traumhaften Gönner vorstellen. Er hatte seine Vorzüge, auch wenn das Ganze eher einzigartig als sonderlich praktisch war. Blake begegnete ihm mit einer heiteren Zuneigung, die nie durch einen der flüchtigen Unwetter getrübt wurden, zu denen es bei seinen anderen Freundschaften allzu oft kam. In seinem lyrischen Werk ist nichts darüber zu finden, dass Thomas Butts ein Spuk aus Satans Lenden sei; es fand sich nicht ein Epigramm unter Blakes Papieren, das Mr. Butts vorgeworfen hätte, jemanden des Lebens beraubt zu haben. Falls Selbst­be­herrschung Blake gegenüber eine große Leistung war (und es war sicher keine kleine), so war es sich eine wahrhaft stattliche Leistung, dafür zu sorgen, dass Blake sich einem gegenüber beherrschte. Und allein Mr. Butts und Mrs. Blake können das wirklich von sich behaupten. Denn Blake sollte noch einen Gönner haben, bei dem er den Unter­schied zwischen der bloßen Gefälligkeit und echtem Wohl­wol­len sah.

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[Teil 1][Teil 2][Teil 3][Teil 4]

  1. in Großbritannien ein Gegner der Monarchie []
  2. William Blake lebte von 1757 bis 1827; in seine Lebenszeit fallen damit George III (1760-1820) und George IV (1820-1830) []
  3. eine phrygische Mütze, wie man sie frei gelas­senen römischen Sklaven gab und wie sie schließlich in Frankreich die Jakobiner trugen; Blake hätte dafür gehängt werden können []
  4. Thomas Paine, einer der Gründerväter der USA, war ein persönlicher Freund Blakes []
  5. zu Hayley, einem der großen Gönner Blakes, gleich noch mehr []
  6. »litera scripta manet.« das geschriebene Wort / Geschriebenes bleibt []
  7. Joseph Priestley, 1733-1804; englischer Theologe. []
  8. William Godwin, einer der geistigen Väter des Anarchismus []
  9. später Mary Woolstonecraft Shelley, die Autorin des Frankenstein. []
  10. ist noch nachzuprüfen; in dem Artikel »Hochzeit von Himmel und Hölle« schrieb Alfred Nemeczek in Art (2000: 12, S. 36-44): »Ein Mäzen namens Thomas Butts orderte 50 Blätter zur Bibel und wurde zum treuen Sammler von Blake-Aquarellen.« []
  11. noch zu checken []
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