Auf den zweiten Blick… (1)

Lektionen, die man so lernt. . .

In G.K. Chestertons Blake-Monographie, die ich hier zum allgemeinem Amüsement live übersetzen möchte, heißt es auf Seite 17:

This was the principle of Flaxman; and this remained to the day of his death one of the firmest principles of William Blake. I will not say that Blake took it from the great sculptor, for it formed an integral part of Blake’s individual artistic philosophy; but he must have been encouraged to find it in Flaxman and strengthened in it by the influence of an older and more famous man.

Beim ersten »Abschreiben« des Absatzes auf Deutsch habe ich »he must have been encouraged to find it in Flaxman« erst einmal etwas gedankenlos dahingehend interpretiert, dass Blake sich – durch wen oder was auch immer – dazu ermutigt sah, das genannte künstlerische Prinzip in Flaxman zu sehen. Beim zweiten Durchgang dann wurde diese Auffassung aber denn doch zum Problem: Ist hier nicht eher gemeint, dass das Auffinden des besagten Prinzips bei Flaxman ihm Mut machte?

Ich hätte das jedoch anders ausgedrückt. Der Gedanke drängt sich auf, ob man das überhaupt mit dieser grammatischen Konstruktion ausdrücken kann. Gibt es dafür weitere Beispiele? Es geht ja nicht an, einfach solange auf einem Satz einzuklopfen, bis er einem einen Sinn zu ergeben scheint. Es sollte da schon Präzendenzfälle geben, um sich für eine Lösung zu entscheiden, die einem nicht sofort einleuchten will. Früher stand man in so einem Fall erst einmal herzlich dumm da; man überlegte hin und her, wo man mit dem Nachschlagen beginnen sollte. Heute ist das einfacher; man wirft erst einmal auf gut Glück einen Blick ins Web.

Und tatsächlich wurde ich fündig. Von den 72 Fundstellen, die Google mir bei der Suche von »he must have been encouraged to« anbot, hatte die Konstruktion größtenteils die Bedeutung, »sich zu etwas ermutigt sehen«.

Um nur einige Beispiele zu nennen:

Mosse is the author of a numerous progeny of novels; and must have been encouraged to proceed in producing them by a certain degree of success.« WWW

»Flintoff must have been encouraged to believe that Australia regard him as no end of a batsman (which of course he is) and this must not …« WWW

»5 Apr 2004 … The owners were clearly aware of the need to find fresh images and must have been encouraged to do so and distribute such images every time …« WWW

In immerhin 14 Fällen jedoch sah das Subjekt sich durch das in der mit »to« eingeleiteten Infinitivkonstruktion Genannte »ermutigt«.

How David must have been encouraged to hear such a statement of unstinting loyalty and commitment. There was no natural reason for Ittai to be so devoted to …« WWW … die Erklärung zu hören muss ihn ermutigt haben

»26 Nov 2007 … Jeremiah must have been encouraged to know that God had destined him to do something significant. He certainly needed that knowledge on many …« WWW es muss ihm Mut gegeben haben zu wissen

»Elijah’s heart must have been encouraged to hear that he was not alone after all in his desire to stand against the wickedness in Israel. …« WWW

Die biblischen Bezüge der ersten drei Beispiele könnten einen dazu verführen, diese Verwendung als veraltet abzutun. Was hier nichts zur Sache tun würde, immerhin ist Chestertons Monographie gemeinfrei; der Autor ist seit mehr als siebzig Jahren tot und das Buch natürlich noch älter. Aber es finden sich durchaus auch zeitgenössische Beispiele:

Oct, 11 2007 … It was Harrington who mastered Carnoustie; Rose must have been encouraged to see a European prevail in the Open Championship he himself …« WWW

»10 Aug 2009 … Leslie must have been encouraged to read the words of the father of murder victim Myra Opshal, who was killed in a bank robbery committed by …« WWW

»22 Mar 2010 … Denis Walsh had made a raft of changes to the side that beat Kilkenny a week previously and must have been encouraged to see former footballer Michael Cussen hit a first-half 2-2 even if the big full forward seemed a bit delicate at times and wasn’t always able to hold possession despite getting his hand up first.« WWW

Die Entscheidung für die zweite Lesart im Falle von Chesterton Satz ist damit nicht nur sinnfällig, sie ist auch durch weitere Beispiele gestützt.

Es beruhigt mich übrigens nur mäßig, dass mir der anfängliche Fehler wohl deshalb unterlaufen ist, weil ich eine grammatische Konstruktion unbewusst genau so interpretiert habe, wie sie die Mehrheit der Muttersprachler sieht, ohne ihren eigentlichen Sinn erkannt zu haben. Es sind dies Fehler, die allzu schnell mal stehen bleiben, egal wie oft man die Übersetzung später noch einmal durchgeht.

Und natürlich wäre es jetzt interessant, der zweifachen Nutzung der genannten Wendung weiter nachzugehen, und vielleicht ist dazu bei der nächsten Begegnung Zeit. Immerhin hat man bereits einige Erkenntnisse, auf denen sich aufbauen lässt.

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    Zum eigenen wie zum allgemeinen Amüsement hier eine Übersetzung, an der ich gerade nebenher arbeite. Sie öffentlich zu veranstalten ist als Experiment gedacht. Sie lässt sich sowohl mitverfolgen als auch kommentieren.