Gilbert Keith Chesterton – William Blake (2)

Zum eigenen wie zum allgemeinen Amüsement hier eine Übersetzung, an der ich – weil mich das Thema interessiert und ich Chesterton sehr bewundere – gerade nebenher arbeite. Sie öffentlich zu veranstalten ist als Experiment gedacht. Sie lässt sich damit sowohl mitverfolgen als auch kommentieren. Bevor nicht die letzte Seite übersetzt ist, handelt es sich um einen ersten Durchgang, der bei mir freilich immer bereits lesbar sein muss; der Inhalt bereits veröffentlichter Passagen kann sich jedoch jederzeit ändern – je nach Bedarf, späterer Einsicht oder auf einen Ihrer sachdienlichen Hinweise hin.  Eine sinnvolle Verlinkung auf andere Websites ist ebenfalls angedacht; vielleicht entsteht so eine lesbare und nützliche Blake-Biographie.
Informationen zu G.K. Chesterton.
Das Buch finden Sie hier. © Das englische Original ist mittlerweile gemeinfrei; die Rechte an der Übersetzung liegen selbstverständlich bei mir.

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Gilbert Keith Chesterton
William Blake

[Teil 1][Teil2][Teil 3]

In eben diese erste jungenhaft-romantisch und unberührte Periode seines Lebens fällt die Veröffentlichung seines ersten und berühmtesten Buches, »Songs of Innocence and Experience«. Es handelt sich bei diesen Gedichten um das Natürlichste und Jugend­lichste, was Blake je geschrieben hat. Aber es sind dies verblüffend alte und unna­tür­liche Gedichte für einen so jungen und natürlichen Mann. Sie verfügen über die bereits beschriebene Qualität eines massiven und gereiften Supernaturalismus. So außer­gewöhnlich dem Leser einiges in diesem Buch anmuten mag, so gewöhnlich ist es offensichtlich für seinen Autor. Es ist charakteristisch für ihn, dass er aus­ge­sprochen vollkommene Poesie, durch und durch klassische Lyrik zu schreiben vermochte. Weder ein Autor des elisabethani­schen, noch des augusteischen Zeitalters hätte sich mit leichterer Präzision bewegt als —

„O sunflower, weary of time,
That countest the steps of the sun.“

Auf der anderen Seite ist es ebenso charakteristisch für ihn, dass er in ein ansonsten gutes Gedicht Zeilen wie die folgenden schrieb —

„And modest Dame Lurch, who is always at church,
Would not have bandy children, nor fasting nor birch“;

Zeilen, die keinerlei Sinn haben und nicht die geringste Beziehung zu dem Gedicht. Es gibt noch ein stärkeres, schlichteres Beispiel für diesen Kontrast. Der gesetzte, schöne Vers, in dem Blake zuerst die Gefühle der Amme be­schrieb, der spirituellen Mutter vieler Kinder.

„When the voices of children are heard in the vale,
And laughter is heard on the hill,
My heart is at rest within my breast
And everything else is still.“

Und hier der nicht weniger stille Vers, den William Blake hinterher niederschrieb, mit derselben Gelassenheit —

„When the laughter of children is heard on the hill,
And whisperings are in the dale,
The days of my youth rise fresh in my mind,
My face turns green and pale.“

Diese letzte grässliche Zeile ist typisch. Er betonte mit derselben Leichtigkeit, dass das Gesicht einer Frau grün werde wie die Felder, als sie einen Blick darauf warf. Es ist dies die persönlichste und interessanteste Qualität Blakes in der starren Psychologie seiner Jugend. Er trat in die Welt als Mystiker in dem ganz praktischen Sinn, dass er eher kam um zu lehren, als zu lernen. Selbst als Junge barst er schier vor okkulten Informationen. Und sein ganzes leben hindurch hatte er die Schwächen dessen, der ständig verteilt und so keine Zeit zur Aufnahme hat. Seine eigene Sprachflut machte ihn taub. Daraus folgte, dass ihm jegliche Geduld abging, obwohl es ihm keinesfalls an Nächstenliebe gebrach; nur dass die Ungeduld all die nachteiligen Folgen zeitigte, die praktisch auch von einer fehlenden Nächstenliebe herrühren hätten können. Ungeduld wurde ihm zum Stolper­stein, der ihn zwanzigmal in seinem Leben der Länge nach hinschlagen ließ. Resultat war das unselige Paradoxon, dass er, der ständig die vollkommene Vergebung predigte, noch nicht einmal unvollkommen die geringsten Kränkungen zu vergeben schien. Er selbst schrieb in einem starken Epigramm —

„To forgive enemies Hayley does pretend,
Who never in his life forgave a friend.“

Die Wirkung des Epigramms verliert jedoch durch seinen erheblichen Wahrheitsgehalt, bezieht man es auf den Verfasser selbst. Der unselige Hayley war ein Freund Blakes gewesen — und Blake konnte ihm nicht verzeihen. Aber das kam nicht aus einem Mangel an Liebe oder Mitgefühl. Es war nichts weiter als der Mangel an Geduld, der seinerseits Ergebnis der überbordenen und fast brutalen Flut an Überzeugungen war, mit der er sich in die Welt stürzte wie eine glühende Kanonenkugel – so wie wir ihn uns bereits vorgestellt haben, wie er mit seinem großen Kugelkopf in ein Zimmer platzt. Sein Kopf war in der Tat ein Geschoss; er war ein Explosivgeschoss.
Über seine anderen frühen Beziehungen wissen wir wenig. Die Eltern, die in seinen Gedichten oft erwähnt werden, sowohl lobend als tadelnd, erscheinen als abstrakte, ewige Vater- und Mutterfiguren ohne individuelle Züge. Man könnte womöglich den Schluss ziehen, dass ihn ein besonderes emotionelles Band mit seinem älteren Bruder Robert verband, da Robert ihm ständig in Visionen erschien und ihm sogar eine neue Technik des Gravierns erklärt hatte. Aber selbst dieser Schluss steht nicht außer Zweifel, da Blake in seinen Visionen die merkwürdigsten Leute sah, Leute, mit denen weder er noch sonst jemand groß zu tun hat; und die Technik könnte ihm genauso gut Bubb Doddington oder Prester John oder der älteste Bäcker in Brighton erklärt haben. Es ist dies einer der Umstände, der den Gedanken aufkommen lässt, dass Blakes Visionen echt waren. Aber wer immer ihm seinen eigenen Gravurstil beigebracht haben mag, ein ganz gewöhnlicher sterblicher Graveur hat ihm den Stil der gewöhnlich Sterblichen beigebracht, und Blake scheint ihn ordentlich gelernt zu haben. Als sein Vater ihn bei einer Londoner Gravieranstalt in die Lehre gab, erwies er sich als ebenso fleißig wie fähig. Er war zeitlebens ein guter Arbeiter, und seine Schnitzer, und davon machte er viele, resultierten nie aus dem allgemeinen Müßig­gang oder der Lieder­lichkeit, die man dem künstleri­schen Tem­pe­rament zuschreibt. Er war von Natur aus abweisend und intolerant, aber ansonsten durchaus geschäftstüchtig; und er neigte dazu, seine Arbeitgeber zu beleidigen, die er aber, in der Regel, nicht enttäuschte. Aber mit dieser Seite seines Charakters müssen wir uns wahrscheinlich später noch beschäftigen. Seine technischen Fertigkeiten waren in jedem Fall beachtlich. Dies und auch eine gewisse Originalität brachten dem jungen Künstler die Aurfmerksamkeit und das Interesse des Bildhauers Flaxman ein.

Der Einfluss dieses großen Mannes auf Blakes Leben und Werk wird immer noch schwer unterschätzt. Dieses Versäumnis hat Ursachen, auf die einzugehen hier zu weit führen würde, jedenfalls in diesem Stadium; letztlich laufen sie auf ein Missverständnis der Natur des Klassizismus wie der des Mystizismus hinaus. Blake blieb zeitlebens ein Anhänger Flaxmans. Flaxman als Bildhauer wie als Zeichner stand, wie allgemein bekannt, für einen Klassizismus in seiner reinsten und kältesten Form. Er ließ auch in einem modernen Bild keine Linie zu, die man nicht auch auf einem griechischen Basrelief hätte finden können. Selbst Verkürzung und Perspektive vermied er, als hätten sie etwas Groteskes – was sie in der Tat haben. Nichts könnte komischer sein, wenn man es genau bedenkt, als der Umstand, dass der eigene Vater als Pygmäe erscheint, wenn er nur weit genug entfernt ist. Die Perspektive ist wirklich das komische Ele­ment in den Dingen. Flaxman hat das irgendwie gespürt; Flaxman schreckte vor den fast unverschämten Verkürzungen eines Rubens oder Veronese ebenso zurück, wie er vor den riesigen Stiefeln im Vordergrund der Fotografie eines Amateurfotografen zurück­ge­schreckt wäre. Für ihn war hohe Kunst in Malerei und Zeichnung flache Kunst; alles war durch die reine Linie auf einer einzigen Ebene darzustellen. Flaxman ist wahrschein­lich dem heutigen Publikum durch seine Illustrationen von Popes Homer bekannt – die zweifelsohne ganz exquisit die strengen Beschränkungen griechischer Vasen und Reliefs kopieren. Zorn kann durch einen gehobenen Arm ausgedrückt werden oder Kummer durch einen gesenkten Kopf, aber die Gesichter all der Götter und Helden sind, je nach eigener Ansicht, schön oder albern, wie die Gesichter von Toten. Höchstes Gebot ist, dass die Linie nie ins Stocken gerät oder im Nichts verläuft; für Flaxman war eine verschwindende Linie in einem Bild dasselbe wie für uns ein verschwindender Schienen­strang auf einer Landkarte.

[Teil 3]

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