Shana Alexander – Pizza Connection

Mittwoch, 14. Mai 1986. Im Gerichtssaal. Heute vormittag macht Tony Lombardino die schwache Leistung seines Freundes Benfante wieder wett. Die Geschworenen kommen hereinspaziert, vom Früh­ling sichtlich mit neuer Frische erfüllt, und der christusbärtige Agent mit dem teuflisch flinken Mundwerk nimmt seinen angestammten Platz im Zeugenstand ein. Ja, er habe Zito im Mai 1983 kennenge­lernt. Zu diesem Zeitpunkt habe er von Charles J. Rooney, dem Ein­satzleiter des FBI in Sachen Pizza Connection, und seinen sich damals anbahnenden Ermittlungen noch nichts gewußt, habe jedoch bald er­fahren, daß in New Jersey und New York Ermittlungen im Gange waren, die in etwa parallel zu seiner eigenen Arbeit in Pennsylvania verliefen.
Lombardinos sauber strukturiertes Kreuzverhör zerstreut den Dunst der letzten Tage und ersetzt ihn durch die klare Luft der Logik. Geschickt fördert er zutage, daß Zito als Mittelsmann in der Lage war, an beiden Parteien zu verdienen.
»Haben . . . Sie . . . von . . . Zito . . . während des besagten Zeitraums von sechs oder sieben Monaten auch nur von einem der in diesem Fall an­geklagten Männer den Namen gehört?« Nein.
»Haben Sie mit Joe Lamberti gesprochen? Wissen Sie, in welcher Branche er ist?« Nein.
»Keine weiteren Fragen.«
Es folgt der Rechtsbeistand von Mazzara. Marvin Segal, in Beglei­tung von Harriet Rosen, einer gertenschlanken, feschen Assistentin um die Vierzig, schleppt einen gewaltigen Berg Ordner, Transkripte und großformatiger gelber Notizblöcke auf das Podium. Hopson hat zu gähnen aufgehört und zu seinem erwartungsvollen Muränenlächeln zurückgefunden.
Leise, als wäre er der ganzen Geschichte längst überdrüssig, fragt ihn Segal: »Am 28. Juni, haben Sie da Mr. Zito ein Paket über­reicht?« Ja.
»Warum schauen Sie so zur Seite, Agent Hopson?« fährt Segal ihn an und impliziert damit, daß Hopson um Zeichen vom Tisch der An­klagevertretung nachsucht.
»Wir haben keine Handzeichen«, knurrt Hopson ihn seinerseits an.
Hopsons Stimme ist kieselhart. Er ist auf der Hut, sein Adrenalin­spiegel steigt, aber er ist noch lange nicht in die Enge getrieben. Beide Männer sind kampferprobte Profis. Segal ist besser vorbereitet als die meisten anderen seiner Kollegen. Er zweifelt einige der früheren Aussagen des Agenten an; der stellt sofort die Stacheln auf. »Ich habe unter Eid ausgesagt. Und ich würde niemals lügen.«

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Leseprobe



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»Weil die Wahrheit etwas Heiliges ist, Agent Hopson?«
»Aus einer ganzen Reihe von Gründen.«
Wann immer die Anklagemannschaft meint, Segal sei besonders unfreundlich, wenden sich sechs grimmige Gesichter wie von Pup­penspielern bewegt zur Seite und bombardieren den schlanken Mann auf der Rednerbühne mit verächtlichen Blicken. Zu Martin, Freeh, Stewart und Bucknam hat sich ein junger Ankläger gesellt, der eben erst anfängt, Andrew McCarthy, und wie so oft, sitzt heute auch Agent Rooney am Anklägertisch.
In der Mittagspause vergleichen die Anwälte Segal mit dem unseli­gen Benfante. »Jurys sehen allemal lieber eine netten Kerl Mist bauen, als einen kleveren Burschen fies werden.«
Heute ist Baldo Amato davongeflitzt, um sich bei Dean & DeLuca’s, einem Geschäft für importierte Delikatessen am Rand von Little Italy einige seiner Lieblingsleckerbissen zu holen, und jetzt macht er in der Cafeteria mit einer braunen Tüte und einem folienbedeckten Tablett die Runde und offeriert den Anwälten und ihren Mandanten süße Mandeldesserts und salzige Häppchen irgendeiner seltenen und sündhaft teuren Pastete aus Thunfischrogen, die ausschließlich auf Sardinien hergestellt wird. Die Kombination ist ebenso ungewöhn­lich wie köstlich.
Jay Goldberg, der Anwalt von Matty »The Horse« Ianello, schaut vorbei, um die Lorbeeren für den außergewöhnlichen Sieg zu kassie­ren, den er gestern errungen hat. »Hundertsechsundfünfzigmal ›nicht schuldig‹ hintereinander – das war Musik in meinen Ohren, ein richtiges Arpeggio!«
Freitag, 16. Mai 1986. Im Gerichtssaal. Der nächste Zeuge der Staats­anwaltschaft ist ein altgedienter Fingerabdruckexperte, der schon in siebenundzwanzig Bundesstaaten vor Gericht ausgesagt hat. Am 23. August 1983 hatte man den Beamten gebeten, eine braune Pa­piertüte zu untersuchen, auf der er einen unvollständigen Handflä­chenabdruck fand. Mehr als zwei Jahre später, im November 1985, bekam er vollständige Sätze der Abdrücke aller im Pizza-Prozeß An­geklagten. Er stellte fest, daß Tommy Mazzaras Handflächenabdruck in siebenundzwanzig charakteristischen Punkten mit dem Abdruck auf der Tüte übereinstimmt. Für eine vor Gericht gültige Identifizie­rung sind nur vierzehn charakteristische Übereinstimmungen nötig.
Anwalt Segal bleibt nichts anderes, als die Methode aller zum Scheitern Verurteilter, er holt aus dem Zeugen heraus, daß letztlich kein Fingerabdrucksachverständiger unfehlbar sei und daß die Mög­lichkeit bestehe, einen Fingerabdruck mit Klebeband abzunehmen und auf eine andere Oberfläche zu übertragen.
Der nächste Agent beobachtete sowohl Mazzara als auch Castronovo beim Besuch von Gancis Haus sieben Tage vor dem ersten Deal zwischen Zito und Ganci. Ken Kaplan, der Anwalt Castronovos, tritt zum Kreuzverhör an. Er bekommt heraus, daß dies die erste Gelegen­heit war, bei der der Agent Castronovo oder Mazzara sah. Er habe jedoch weder Fotos von den beiden gemacht noch habe er sie in sei­nem Protokoll beschrieben. Außerdem fördert Kaplan zutage, daß der Agent eineinhalb Jahre lang ausschließlich den Pizza-Ermittlungen zuge­teilt war, daß er einer der zehn Männer in den fünf Autos war, die fünf Tage die Woche Beschattungen durchführten und acht, manch­mal zwölf und hin und wieder sogar vierundzwanzig Stunden am Tag arbeiteten.
Als nächste übernimmt die attraktive Harriet Rosen das Kreuzver­hör. Ihr Boß, Marvin Segal, ist drauf und dran, ganz aus dem Ge­richtssaal zu verschwinden; er gibt dafür finanzielle Härten an. Sie ist forsch und präzise, und immer, wenn der Agent schwach zu werden scheint, streicht sie diesen schwachen Punkt raffiniert heraus, indem sie ihn auffordert: »Könnten Sie das wiederholen?« oder: »Ich bin nicht ganz sicher, ob ich verstehe, was Sie da sagen.« Aber selbst soli­des Anwaltshandwerk vermag die Aufmerksamkeit der Geschwore­nen nicht über eine bestimmte Zeitspanne hinaus zu fesseln. Dann rutscht die ein oder andere Kehrseite auch schon wieder auf ihrem weichen grünen Ledersessel nach vorne, Ellenbogen verkanten sich auf den gepolsterten Armstützen, das Kinn wird in die Hände gelegt, die Augenlider schließen sich, und Leval verkündet lautstark: »Pause!«

25. August 1983. Die Überwachung durch das FBI, Middle Village, Queens. Das ständige Ein und Aus an der Garage im Erdgeschoß von Joe Gancis Haus wurde von den einander abwechselnden FBI-Teams, die in fünf Fahrzeugen rund um das Gebäude postiert waren, gewis­senhaft aufgezeichnet. Während die Stunden dahinschlichen, wech­selten sich die Gespanne im Rotationssystem ab – damit nicht ständig dieselben Leute den Punkt besetzten, von dem aus man die Vorgänge an der Garage am besten überblicken konnte. An diesem warmen Tag brauchte das Observationsteam nicht lange zu warten, da kamen auch schon Mazzurco und Sal Lamberti in Mazzurcos braunem Mercury gefahren. Sie öffneten den Kofferraum und verfrachteten einen Spi­rituosenpappkarton in die Garage. Als sie 36 Minuten später wieder auftauchten, hatte Lamberti ein weißes Paket bei sich. Einige Tage darauf war Lamberti wieder da; dieses Mal verließ er die Örtlichkeit mit einer weißen Plastiktüte. Kurz danach beobachteten andere Agenten, die vor Mazzurcos Heim in der Nobelvorstadt Baldwin auf Long Island auf der Lauer lagen, Mazzurcos Rückkehr. Als er seine Garage öffnete, erspähten sie noch einige andere weiße Plastiktüten, die derjenigen glichen, die er aus Gancis Garage getragen hatte. An diesem Abend rief Ganci Mazzurco an und fragte ihn: »Ist der Bur­sche von droben gekommen?«
Noch nicht, antwortete Mazzurco, aber er erwarte seinen Anruf.
Für das FBI war diese Antwort Grund genug, Mazzurcos Haus rund um die Uhr observieren zu lassen. Nach zwei Tagen zahlte sich ihre Wachsamkeit aus. Um 18.46 Uhr fuhr ein Wagen vor Mazzurcos Haus vor, und der Fahrer ging hinein. Eine halbe Stunde später kam er in Begleitung seines Gastgebers wieder heraus. Mazzurco nahm eine braune Einkaufstasche aus seinem Auto und gab sie seinem Besucher.
Während der Mann davonfuhr, folgte das FBI ihm in gebührendem Abstand. Dreißig Minuten später stellte sich das Überwachungsfahr­zeug, unterstützt von weiteren FBI-Teams, dem Wagen des Unbe­kannten den Weg und zwang ihn zum Anhalten. Er behauptete, sein Name sei Di Bartolo. Die Agenten durchsuchten ihn und fanden eine kleine Menge weißen Pulvers. Die Einkaufstasche, die Mazzurco ihm gegeben hatte, enthielt 40 000 Dollar in ziemlich abgegriffenen Scheinen. »Di Bartolo« wurde vorläufig festgenommen.
Seine Fingerabdrücke wiesen den Festgenommenen bald als einen bereits verurteilten Verbrecher aus: Giuseppe Baldinucci, ein be­kannter Handlanger der Familie Bonanno, hatte sich aus dem Staub gemacht, nachdem er nach einer Verurteilung wegen Diebstahl und Betrug gegen Kaution vorübergehend auf freien Fuß gesetzt worden war. Das weiße Pulver, von dem er behauptet hatte, es handle sich um Kokain, welches er hin und wieder selbst zur Entspannung nehme, erwies sich als Heroin mit einem Reinheitsgrad von 82,9 Prozent.

9.30 Uhr, Mittwoch, 4. Juni 1986. Im Gerichtssaal. Ein herrlich son­niger Tag. Der Alte sitzt auf seinem Platz, er sieht bleich aus. Auf dem Korridor drängen sich wie gewöhnlich die rauchenden Zips. Ganz am anderen Ende des Flurs unterhält sich Kennedy leise mit Martin.
9.40 Uhr. Leval verliest die Anwesenheitsliste. »Das ist jetzt nicht für das Protokoll bestimmt: Mr. Di Chiara? Mr. Kaplan? Mr. Segal? Mr. Bronson?« Kaplan kommt herein, huscht auf seinen Platz. »Mr. Kaplan, soll ich etwa selbst in die Cafeteria gehen und mich nach Ihren Kollegen umsehen ?. . . Bitte, das nicht in das Protokoll aufzu­nehmen: Es ist ein Skandal. Es ist mir einfach unverständlich, warum die Herren Verteidiger sich nicht pünktlich hierherbequemen kön­nen. Dieses Verhalten läßt einen Mangel an Respekt gegenüber den Geschworenen, den Angeklagten und dem Gericht erkennen; so etwas ist ganz und gar unüblich.« Der Richter verkündet, er wolle die Anwälte der Verteidigung später in seinem Zimmer sehen.
Sonderagent William H. Lynch jr., gewichtig und fast schon kahl­köpfig, gehörte zu jenem Team, das am 9. April 1984 den Wohnsitz der Mazzurcos durchsuchte. Der Stellvertretende Bundesanwalt Bucknam veranlaßt Lynch zu der Aussage, daß es sich bei der Vor­richtung, die der Agent im Augenblick in der Hand hält, um eine elektrische Geldzählmaschine handle, die er selbst in einem Schrank im Schlafzimmer des Angeklagten Mazzurco gefunden und beschlag­nahmt habe. Im Nachttisch habe er eine geladene halbautomatische Pistole, Kaliber 9 mm, vom Typ Smith & Wesson mit abgefeilter Se­riennummer gefunden.
Was sonst noch? »In einer unter dem Schlafzimmerschrank ver­steckten Falltür -.«
»Ich erhebe Einspruch gegen die Worte >versteckte Falltür< —.«
»Abgelehnt, Mr. Benfante.«
Die Falltür also, von einem Teppichboden kaschiert, wurde von einem Hund der Drogenfahndung entdeckt. In einem Geheimfach befand sich eine zerrissene Zigarettenschachtel mit einigen Hohl­spitzgeschossen vom Kaliber 9 mm. Außerdem enthielt das Versteck noch 38 000 Dollar in bar und ein Spiralheft mit rotem Deckel, in dem eine ganze Reihe von Tabellen, Initialen, Zahlen und Daten notiert waren.
Während der Aussage befingert der kleine, sonnengebräunte und wohlbeleibte Salvatore Mazzurco, der es sich ohne Krawatte und mit offenem Palm-Beach-Sakko bequem gemacht hat, gedankenverloren sein Kinn. Sein Gesicht hat einen heiteren Ausdruck; er scheint über eine lange, ruhige und ungetrübte Zukunft zu meditieren. Nichts in seinem Verhalten würde einem Beobachter verraten, daß dieses rote Notizbuch, eine detaillierte, mit Daten und Initialen versehen Auf­stellung von – wie es die Staatsanwaltschaft sieht – Drogentransak­tionen, womöglich das erdrückendste Beweisstück ist, das man gegen irgendeinen der in diesem Gerichtssaal sitzenden Angeklagten in der Hand hat.
Noch hat die Jury allerdings nicht die geringste Ahnung von der entscheidenden Bedeutung des roten Notizbuchs. Was die Verwir­rung, die die Ankläger während des langen Trecks durch die Wüste Gobi stiften, so ärgerlich macht, wird vielleicht etwas verständlicher, wenn man sich klarmacht, daß noch drei weitere Monate vergehen werden, in denen ein Zeuge der Anklage nach dem anderen über zahl­lose andere Themen aussagen wird, bevor Arthur Eberhart, ein Do­kumentensachverständiger des FBI, sein Urteil abgeben wird: Bei dem roten Spiralheft handle es sich um ein Hauptbuch, das die Zah­lungen für eine bestimmte Handelsware belege. Es enthalte Auf­zeichnungen vom 13. Januar 1982 bis zum 12. März 1982, aus denen sich Eintragungen für 13,8 Bilanzposten ergeben. Die Namen, oder vielmehr die Initialen Sal, Joe, J. G. und Leo erscheinen neben den einzelnen Einträgen. Die Gesamtsumme der Posten belaufe sich auf 1,1 Millionen Dollar. Für den August 1982 seien fünf weitere Posten zu insgesamt 165 000 Dollar aufgeführt; im September weitere vier Posten, wieder über 165 000 Dollar. Auf einer anderen Seite weise ein fortlaufendes Verzeichnis »41,4 Posten über eine Gesamtsumme von 662300 Dollar auf.«
Benfante ist mit dem Kreuzverhör an der Reihe. »Also, Agent Lynch, können Sie mir definieren, wie Ihre Definition von einer Fall­tür aussieht?… In Ihrer Aussage geben Sie an, daß ein Spürhund Sie zu dieser Tür geführt hat. Haben Sie einen Spürhund zu Protokoll gegeben?«
»Habe ich nicht.«
»Wie ist der Name des Spürhundes?«

Dienstag, 10. Juni 1986. Im Gerichtssaal. Keiner bleibt von den Bela­stungen verschont, die dieser Prozeß mit sich bringt. Heute ist Gae-tano Badalamenti krank, mit roten Flecken im Gesicht verbringt er die Mittagspause auf einer Bank liegend und wartet darauf, daß ihn die Gerichtssanitäterin untersucht. Die Geschworenen werden lang­sam, aber sicher, unruhig. Einer von ihnen hat Leval eine Nachricht zukommen lassen: Er könne nicht länger von den 35 Dollar leben, die der Staat einem Geschworenen am Tag erstatte.  Eine zweite Geschworene hat zu verstehen gegeben, daß auch sie es allmählich leid werde, hier zur Verfügung zu stehen, auch sie könne von dem Geld nicht existieren. Im Gerichtssaal stellt Martin laut die Frage, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gebe, zusätzliche Mittel aufzutreiben, um das Gehalt der Geschworenen bei diesem außergewöhnlich lan­gen Prozeß ausnahmsweise aufzustocken. Die Anwälte der Verteidi­gung sind außer sich vor Zorn über diese Aussicht. Bergman schlägt vor, Pierre Leval solle den Geschworenen einmal ordentlich ins Ge­wissen reden.
»Haben Sie einen Vorschlag für den Text?« fragte ihn Leval und hebt die Augenbrauen.
Donnerstag, 19. Juni 1986. Im Gerichtssaal. Der erste Riß im Mono­lith der Verteidigung zeigt sich heute um 11 Uhr, als Badalamentis Neffe Vincenzo »Enzo« Randazzo sich vor Richter Leval zum Ankla­gepunkt der illegalen Einreise in die Vereinigten Staaten schuldig be­kennt und den Gerichtssaal als freier Mann verläßt.
»Gott steh‘ den New Yorker Frauen bei«, sagt Kennedy, als er da­von erfährt.
Im August 1983 hatte man Enzo in der Gesellschaft von Alfano und anderen in einer Imbißstube in Queens entdeckt. Die Einwande­rungsbehörde hatte keinerlei Beleg darüber, daß er in die Vereinigten Staaten eingereist war. Rechtsanwalt Larry Schoenbach konnte die Staatsanwaltschaft dazu überreden, die Anklage wegen Verabredung zum Drogenhandel im Austausch für ein Schuldbekenntnis hinsicht­lich eines Verstoßes gegen die Einwanderungsbestimmungen fallen­zulassen. Die Höchststrafe hierfür beträgt fünf Jahre, und die Verein­barung mit der Staatsanwaltschaft, die Randazzo eben unterschrie­ben hat, läßt ihn mit der Zusicherung davonkommen, die Strafe werde als abgesessen betrachtet.
Als der Stellvertretende Staatsanwalt Charles Rose, Chef der Rauschgiftabteilung im Bundesgerichtsbezirk Ost, von Enzos Ab­kommen hörte, war er »offen gesagt entsetzt«. Man hatte Randazzo in diesem Drogenring zu Beginn als ganz großen Fisch eingeschätzt. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm eine Reihe gewichtiger Delikte zur Last gelegt und weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Schweiz zu einer Auslieferung zu bewegen.
»Sich auf ein solches Schuldbekenntnis einzulassen, ist eine Schande! Ich für meinen Teil würde lieber vor die Hunde gehen«, erboste sich Rose. »Normalerweise«, fügte er hinzu, »hätte Martin einem derartigen Handel nie und nimmer zugestimmt. Eine reine Verzweiflungstat war das.
Martin muß wohl denken: Womöglich gewinne ich diese Ge­schichte gar nicht. Also ist es besser, den Kerl einfach loszuwerden. Der Knabe ist so offensichtlich nicht schuldig, daß die Geschwore­nen vielleicht denken: Was bezweckt die Staatsanwaltschaft damit, so einen unter Anklage zu stellen ? Wenn die so was über die Bühne zu ziehen versuchen, wer weiß, was die noch alles schaukeln wol­len?«
Falls persönliche Verbitterung hinter Roses Bemerkungen steht, so weiß er das gut zu verbergen. Rose ist eine Frohnatur, zwanglos und gewitzt, er zögert keinen Augenblick, seine Begeisterung für seinen Beruf zu zeigen. So extravertiert, energisch und humorvoll, wie er das Leben angeht, scheint er sich von den gesetzten Anwälten im Bezirk Süd nicht weniger zu unterscheiden, als sich Brooklyn von Manhattan unterscheidet. Roses Kritik an Martin könnte aller­dings zum Teil auch darauf zurückzuführen sein, daß er selbst es war, der den Pizza-Fall ins Rollen gebracht hatte, ihn dann aber hatte abgeben müssen. Rose ist derjenige, der als erster nach Brasi­lien gereist war, um mit Tommaso Buscetta über eine Rückkehr in die Vereinigten Staaten zu verhandeln. Außerdem hatte Rose das Ermittlungsverfahren gegen die Pizza Connection geleitet, bevor Giuliani den Fall völlig unvermittelt vom Bezirk New York Ost in den Bezirk New York Süd verlegte.
Badalamenti reagiert auf Enzos Kuhhandel mit kalter Wut. Der Alte hatte Schoenbach vor langer Zeit an das Sprichwort von der Faust erinnert: »Nimm nur einen Finger weg, und sie ist keine starke Waffe mehr, sondern bloß noch ein Anhängsel.« Er hatte sei­nen Neffen in Gegenwart seines Anwalts gewarnt: »Wenn du dieses Geständnis ablegst, dann gehörst du nicht mehr zur Familie.«
Schoenbach hatte angenommen, daß die Sache damit erledigt wäre. Aber einige Wochen später rief Enzo ihn an und meinte ziem­lich lautstark: »Sehen Sie bloß zu, daß Sie mich da rausholen!«
Am darauffolgenden Sonntag hatte Badalamenti den Anwalt mit­samt seinem abtrünnigen Mandanten wieder ins MCC zitiert. »Was geht hier vor?« wollte er ohne Umschweife wissen. »Hatten wir nicht abgemacht: Keine Verhandlung um Schuldbekenntnisse?«
»Ich sehe meinen Mandanten an. Der sitzt da, stumm wie ein Fisch«, erzählt Schoenbach später. »Badalamenti versteht genug Englisch, um die Geschichte ohne Dolmetscher zu erledigen. Also sage ich ihm: >Hören Sie, es ist mir klar, daß wir das bei unserer Zu­sammenkunft damals so abgemacht haben. Aber mein Mandant hat nun mal seine Meinung geänderte« Darauf sei ein langes, hitziges Palaver auf Sizilianisch gefolgt. »Der Alte hat wohl meinem Man­danten seinen Ausschluß aus der Familie verkündet, und Enzo kon­terte, daß er sich mit fünfundvierzig für alt genug halte, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.«
Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft sei sicher darauf zurück­zuführen, so Schoenbach, »daß sie Angst haben, die Jury zu verlie­ren. Die sind jetzt seit zehn Monaten am Werken, und womöglich brauchen sie noch weitere sechs. Es mußte einfach Bewegung in die Geschichte kommen. Enzo konnte dafür herhalten. Sie haben ihn ge­opfert, um das Eis zu brechen.«
Kennedy rief Martin augenblicklich an, um ihm zu gratulieren und ihm zu sagen, das Arrangement sei das Beste, was Enzo passieren konnte. Er behielt dabei freilich für sich, daß auch ihm selbst nichts Vorteilhafteres hätte widerfahren können, weil damit womöglich ein weiteres seiner Probleme vom Tisch war. Kennedy hatte nämlich schon seit langem das Gefühl, daß Genay Leitman einfach noch nicht erfahren genug war, um diesem Fall gewachsen zu sein. Jetzt konnte er sich die neueste Entwicklung zunutze machen und das Gericht wo­möglich dazu bewegen, Genay Leitman durch den kleveren Larry Schoenbach zu ersetzen.
Kennedy wettet, daß Enzo grinsend unter den Zuschauern sitzen wird, wenn das Gericht am Dienstag wieder zusammentritt. Wie wohl die Geschworenen darauf reagieren werden – und auf den leeren Platz neben Badalamenti? Nun, man kann wohl mit einiger Sicher­heit davon ausgehen, daß sie trotz Levals häufiger Ermahnungen nicht nur in den Zeitungen über den Fall lesen, sondern auch im Fern­sehen davon hören. Wenn dem so ist, dann dürften sie wohl wissen, was passiert ist.
Kennedy meint, daß die Ereignisse trotz Badalamentis offensicht­lichem Mißfallen – der Alte ist der Meinung, Schoenbach habe ihn persönlich verraten – alles in allem eine Wendung zum Guten ge­nommen haben. Und aller Wahrscheinlichkeit nach ziehen sie wei­tere Bewegungen nach sich. Als nächster Kandidat für eine Schulder­klärung käme eventuell der fünfzigjährige Mazzurco in Frage. Dann wäre man Benfante los, was Kennedy nur recht sein kann. »Ich denke, ich habe aus seiner Kreuzverhörtechnik gelernt, was zu lernen ist«, meint er trocken.
Wenn Mazzurco auf schuldig plädiert, dann wird sich der Stau auf­lösen. Dann dürfte kurz darauf auch mit Schulderklärungen von De-Vardo und Cangialosi zu rechnen sein. Ihre Anwälte jedenfalls sind bereit, auf einen Handel einzugehen.
Sal Mazzurco steckt von allen Angeklagten womöglich am tiefsten im Schlamassel, und Benfante gibt sich alle Mühe, für ihn den besten Deal herauszuschlagen. Seiner Meinung nach wären das so zwischen zehn und zwölf Jahre und die Chance, etwas von seinem Eigentum behalten zu dürfen. Mazzurco ist ganz gut betucht. Zusätzlich zu sei­nem großen Haus auf Long Island, dem Mercedes und den Bankkon­ten, gehört ihm auch noch ein Anteil an Pronto Demolition und der Löwenanteil am Upskate, einer Rollschuhbahn in New Windsor, New York. Mazzurco hat beträchtliche Investitionen in der kleinen Stadt am Hudson. Neben der populären Rollschuhbahn besitzt er dort gleich in der Nähe zusammen mit seinem Schwager Joe Lamberti auch noch eine Boutique für Damenmode namens »Pino Europa«.
Der Gerüchteküche nach ist Mazzurcos Handel schon unter Dach und Fach, bis auf den Umfang der Enteignung auf Grund der Anklage nach dem Paragraphen 848. Diese könnte ganz beträchtlich ausfallen. Charlie Rose hat es einmal so ausgedrückt: »Der Staat verdient heut­zutage eine derartige Menge Geld mit dem Einzug von Vermögen, daß ich gar nichts dagegen hätte, das Ganze auf Profitbasis zu leiten. Teufel auch, ich würde es sogar auf Kommissionsbasis machen!«
Benfante weiß, daß es im Bundesgerichtsbezirk New York Süd kei­nerlei Garantien gibt. Schuldbekenntnisse im Tausch gegen Zuge­ständnisse seitens der Staatsanwaltschaft sind gesetzlich nicht aner­kannt; die Verteidiger lassen sich auf Absprachen ein, weil sie von der etwas heiklen Voraussetzung ausgehen, die Ermutigung durch den Richter sei ein ernstzunehmender Hinweis darauf, daß ihrem Man­danten eine faire Behandlung zuteil wird. Benfante verläßt sich also auf Levals ausdrücklichen Wunsch, endlich Bewegung in die Sache zu bringen. Einige der anderen Anwälte glauben, mit etwas Glück könn­ten er und sein Mandant nächste Woche draußen sein.
Er hat kein Glück. Mazzurco lehnt die Absprache ab, die Benfante ausgehandelt hat; laut dieser könnte er sein Haus behalten plus 300000 Dollar plus die Hälfte seines Geschäfts. Einige Anwälte mei­nen, Mazzurco handle aus reiner Habgier. Er würde lieber sitzen, als sein Eigentum einziehen zu lassen. Andere sind jedoch der Ansicht, irgend jemand übe starken Druck auf ihn aus, nicht auf die Absprache einzugehen, man tippt auf seinen Nachbarn auf der Anklagebank, den schweigsamen, aschfahlen Sal Lamberti.
Die Haltung Gaetano Badalamentis gegenüber sämtlichen Mitan­geklagten, die nicht zu seiner Familie gehören, zeichnet sich durch steife Höflichkeit und Unnahbarkeit aus. Er hat nie etwas mit ihnen zu tun gehabt, die meisten von ihnen noch nicht einmal persönlich gekannt, bis er sich durch diesen vermaledeiten Prozeß mit ihnen in einen Topf geworfen sah. Eine Ausnahme bildet Sal Lamberti. Lam­berti stammt aus Badalamentis Nachbardorf. Er steht Badalamenti al­tersmäßig am nächsten. Als junge Männer haben sie einander ken­nengelernt. Sal Lamberti hat von allen Angeklagten die frischesten Bindungen zur sizilianischen Mafia; er war erst drei Jahre vor seiner Verhaftung in die Vereinigten Staaten emigriert.
Mittlerweile hat Badalamenti es aufgegeben, sein Mißtrauen gegenüber den anderen für sich zu behalten. Er hat seine Leute be­reits insgeheim wissen lassen, daß er Lamberti für gefährlich halte. Bei einer Gelegenheit bezeichnete er ihn als »rangmäßig zweithöch­sten Mafioso der Welt«, wobei er wenig Zweifel daran ließ, wen er für die Nummer eins halte.
Wenn Badalamenti einen etwas paranoiden Eindruck macht, dann ist das nur zu verständlich. Immerhin ist er seit 1978 auf der Flucht vor den Corleonesern; erst zog er still und leise von Italien nach Paris, dann von Paris nach Nizza, von Nizza nach Brasilien, dann nach Spa­nien, womöglich auch noch anderswohin. Sein Anwalt schätzt, daß die Corleoneser und ihre Verbündeten bis auf den heutigen Tag ganze siebzehn Mitglieder seiner Familie ermordet haben.
In diesem Gerichtssaal sitzt Badalamenti von sizilianischen Mafiosi umgeben, von denen mit Sicherheit einige mit seinen Verfolgern im Bunde stehen. Er interpretiert so gut wie jeden Zug der anderen An­wälte als möglichen Hinweis auf eine Intrige gegen ihn. Von Zeit zu Zeit läßt Badalamenti durchblicken, daß er hinter all diesen zwielich­tigen Kabalen Salvatore Lamberti vermutet.
Lambertis Ansicht nach haben Badalamenti und Kennedy die Ver­teidigung so inszeniert, daß die anderen Angeklagten in einen Hin­terhalt gelockt oder wenigstens als skrupellose Mafia-Killer hinge­stellt werden. Er sagt das allerdings nicht offen. Die Feindseligkeit auf beiden Seiten ist sehr sizilianisch: unerbittlich, aber unsichtbar. Be­gegnungen zwischen den Gegenspielern im Gerichtssaal laufen mit tadelloser Höflichkeit ab. Trotzdem wird die Wolke des Mißtrauens, die über dem Gerichtssaal hängt, immer dunkler und schwerer.

Oktober 1983. Die Überwachungsmaßnahmen des FBI. Die Bronx. Eines Tages hörte das FBI einen Anruf mit, den Sal Mazzurco aus New Windsor bekam. Franco Marchese, sein Geschäftspartner im Upskate, der Rollschuhbahn, rief ihn an, um ein Treffen in der Stadt zu arrangieren. »Der Freund von mir, du weißt schon, der hätte heute gern wieder eines.«
Ein paar Stunden später traf Mazzurco sich mit Marchese an einer Ecke der Sedgwick Avenue, in einem Viertel der Bronx mit überwie­gend spanischstämmiger Bevölkerung. Mazzurco nahm einen Schuhkarton aus dem Kofferraum seines Mercedes und gab ihn Mar­chese. Der fuhr einige Blocks weiter zur Webb Avenue. Vor der Nummer 2723, einem schon etwas heruntergekommenen Wohn­block, hielt er an und übergab den Schuhkarton einem Mann namens Mike Crespo.
Einen Monat später, am 16. November, rief Marchese wieder an. Crespo habe etwas für Mazzurcos Schwager Joe Lamberti. Mazzurco fuhr wieder in dieselbe Gegend in der Bronx. Crespo wartete in einem Lincoln Continental. Ein schmuddeliger Spanier mit einem Schnurr­bart, Sadid Torres, stieg auf ein kurzes Schwätzchen zu Mazzurco in den Mercedes. Dann stieg Mazzurco aus und unterhielt sich mit Cre­spo. Torres stieg in Crespos Wagen, und die beiden Männer fuhren davon. Mazzurco folgte ihnen.
Vor der Webb Avenue Nummer 2723, wo Torres eine Wohnung hatte, hielt Crespo an, ging in das Gebäude und kam vier Minuten später mit einem in Papier gewickelten Paket wieder heraus, das er Mazzurco übergab, der daraufhin davonfuhr.
Am 25. November rief Mazzurco ein drittes Mal an. »Dein Schwa­ger meint. . . wegen dem Ding. . . hast du es?« Mazzurco sagte ja, und am nächsten Tag fand er sich wieder in der Fordham Road in der Bronx ein. Dort traf er Crespos Bruder Nelson und übergab ihm eine braune Papiertüte. Nelson Crespo nahm die Tüte mit zu dem Wohn­block in der Webb Avenue. Am Tag darauf rief Marchese Mazzurco an, der ihm mitteilte: »Sein Bruder war da. . . Er hat das Hemd ge­nommen.«

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Info
  • Diese Website -

    Hier entsteht die Website des Übersetzers Bernhard Schmid. Ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche und bin Mitglied des VdÜ.

    Einen kleinen Überblick über meine Arbeiten finden Sie hier, hier und hier.

Von mir übersetzte Titel
  • Shoshana Zuboff -

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  • Mariana Mazzucato -

     

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    »Von Bernhard Schmid geschmeidig übersetzt, liest sich Bob Dylan und Amerika so unterhaltsam, gelehrt und elegant wie im mittlerweile zum kanonischen Werk avancierten Original.«
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    26.8.1988

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Von mir übersetzte Titel
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Work in Progress
  • G.K. Chesterton – William Blake -

    Zum eigenen wie zum allgemeinen Amüsement hier eine Übersetzung, an der ich gerade nebenher arbeite. Sie öffentlich zu veranstalten ist als Experiment gedacht. Sie lässt sich sowohl mitverfolgen als auch kommentieren.