Peter Matthiessen – Sturm und Stille

Prolog: 24. Oktober 1910

Seevögel sind wieder aufgestiegen, einige wenige, ihr Gefieder zerzaust. Die weißen Meerschwalben wirken verschmutzt im bleiernen Licht, und ihr Flug ist hölzern, prüfen sie doch ein Element, dem sie nicht län­ger trauen. Unfähig, die vom Sturm verschlagenen Elritzen zu orten, streifen sie über die gischtige See, mit traurig-verhaltenen Schreien, Jagdsignalen, aber auch Seezeichen, dazu bestimmt, sie wieder in eine Welt der Ordnung zu führen. Nach dem Hurrikan liegt die labyrinthi­sche Küste, dort, wo die Abflüsse der Everglades sich mit dem Golf von Mexiko paaren, gebrochen, hingeschmettert, in den Schlamm gemalmt von Gottes verheerendem Tritt. Tag für Tag zieht ein grauer Wind herauf, zerrt an den Mangroven und hetzt die ungebärdigen Fluten, die durch die geknickten Inseln bis weit hinein in die kleinsten Einlasse jagen und einen mit brauner Gischt gesäumten Filz aus Seegras und Treibholz hin­terlassen. An den Stränden der Buchten, die Unterläufe der Flüsse hin­unter liest eine ferne graue Sonne hier und da ein mattes Schimmern aus den fußhohen Schwaden vor sich hinfaulender Meeräschen auf. Von der Siedlung auf dem alten Indianerhügel der Insel aus, Chokoloskee genannt, wirkt der unheilvolle, unruhige Himmel über dem Golf wie ein in Lumpen gehender Geist, unstet und getrieben. Die Wolken hängen tief und versagen den Regen, und über den gebrochenen Bäumen kip­pen Geier auf schwarzfingrigen Schwingen mal nach der einen Seite, mal nach der andren. An der Mündung des Kanals, wo Landestege und Pfählungen, leck geschlagene Boote und entwurzelte Hütten die Küste verunzieren, hat tiefhängendes Geäst ein Sammelsurium von andernorts geraubtem Tand aus den Fluten gefischt. Eine Wäscheleine flattert in den Bäumen; kopf­über stehen, wie alte Strohbesen, einige Reetdächer auf ihren Pfählen; Holzhäuser sind eingesackt. Zu dem beißenden Fischgestank in der dumpfigen Luft hat sich der Pesthauch verwesenden Aases und schwarz­gewordener Feldfrüchte gesellt, der Gestank von Exkrementen in über­bordenden Abtritten, deren Häuschen ein Raub der Fluten geworden sind. Töpfe und Tiegel, Irdenes, ein Butterfaß, Zinkzuber und Eimer, salzverklebte Stiefel, durchweichte Roßhaarmatratzen und Puppen – ein weiterer Raub der Wellen – liegen über den blassen, ums Leben ge­brachten Boden verstreut.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Leseprobe

Click to order!

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Resigniert zupft eine einsame Möwe an einer der nunmehr nahezu flüs­sigen Meeräschen am Strand; verzagt bellt ein Hund gegen die drückende Stille an.
Eine Gestalt in schlammgesäumtem Baumwollkleid ruft nach einem Kind, bückt sich, um eine Bibel aufzuheben, und wischt mit blas­sen, tauben Fingern den Schlick vom Buch der Bücher. Sie richtet sich auf, dreht sich langsam um und starrt nach Süden. Aus dem Mangrovendickicht weit unten in der Bucht dringt das Stampfen des Schiffs­motors herauf und verliert sich wieder, dann kehrt es erneut zurück, ein wenig lauter. »Allmächtiger«, flüstert sie halblaut. »Nur das nicht, lie­ber Gott!«
Immer auf das tiefstehende graugelbe Zwielicht zu kratzt Post­meister Smallwood, auf den Knien unter seinem Haus, die letzte seiner ertrunkenen Hennen hervor. Was der Hurrikan von Smallwoods Pier dagelassen hat – ein paar wertlose Pfähle -, ragt in absurden Win­keln aus der Halde des Aushubs drüben, wo er sich den Kanal für die Indianerkanus gegraben hat. Von dort erstreckt sich das zinnerne Was­ser bis hin zu den schwarzen Mangrovenwänden rings um die Bucht.
Er kauert in der fauligen Hitze. Geflüster ist zu hören, wie auf einer Beerdigung. Ein Paar bloßer Füße kommt lautlos vorbei, dann ein weiteres, beide auf dem Weg hinunter zum Landeplatz. Er erkennt seine Nachbarn an Gangart und Beinkleid. Über dem Flüstern und dem stoß­weisen Atmen ertönt, noch von der Entfernung gedämpft, vom Osten, vom Golf her das Stampfen des Motors durch den Paß von Rabbit Key. Als der Wind sich kurz dreht, kommt das putt-putt-putt hart wie ein Puls; ihm ist, als höre er zum erstenmal im Leben sein Herz.
Drei Tage zuvor, als das Schiff in Richtung Süden aufgebrochen war, hatten sämtliche zehn Familien der Insel es mit ihren Blicken ver­folgt. Smallwood hatte als einziger gewinkt, aber auch er hatte doch gebetet, die Sache möchte damit ein Ende haben, und die breite Gestalt, die da am Helm stand und weit draußen auf der Höhe der Baumlinie in der Dunkelheit versank, möge für immer aus ihrem Leben verschwin­den.
Doch der alte D. D. House sagte: »Der kommt wieder.«
Der Klan der Houses lebt knapp hundert Meter weiter östlich des Ladens. Ted Smallwood sieht die schwarzen Sonntagsstiefel seines Schwiegervaters den Indianerhügel herabkommen, in seinem Gefolge, barfuß, Bill House und die Jungen Dan und Lloyd. Nach seiner Schwe­ster rufend, steigt Bill die Stufen zur Veranda hinauf und betritt den Laden unter den privaten Räumen der Smallwoods, der gleichzeitig als Postamt dient. Füße bringen die Fichtendielen über Smallwood zum Knarren.
In der Waschküchenhitze des Tages, unter dem ersten Ansturm einer Malaria, fühlt Smallwood sich so elend und schwach, daß ihm, als er sich aufrichtet und zu stehen versucht, das Blut in den Schläfen hämmert und die Bäume rings um ihn schwarz werden. Er ist ein Schrank von einem Mann, und er schlägt so schwer gegen die Wand sei­nes Holzhauses, daß seiner Frau, die sich irgendwo im Innern aufhält, ein Schrei des Entsetzens entfährt. Langsam richtet er sich wieder auf und wölbt das steif gewordene Kreuz. Er tut einen entsetzlich tiefen Atemzug, würgt, hustet und erschauert dann. Grollend räuspert er sich den süßlichen Geschmack verwesender Hennen aus Mund und Nase.
»Sieh mal, was da gekrochen kommt! Wenn das nicht unser Post­meister ist?«
Des Postmeisters Spaten, statt einer Antwort in die schwarze Erde gerammt, fährt knirschend in die alten Austernschalen des gewal­tigen Kjökkenmöddingers. Noch einmal hineingerammt, rutscht er dem Postmeister an einer Wurzel ab. Die jungen Houses lachen. »Leg den Spaten besser gar nicht erst aus der Hand. Wirst ihn womöglich noch brauchen.« Und Ted Smallwood sagt: »Gleich mit vier Büchsen, wie ich sehe. Meint ihr denn, die sind genug?« Der alte Mann stutzt und mustert seinen Schwiegersohn. Daniel David House hat Silber in den Brauen, und sein Schnurrbart ragt in die beilförmigen Koteletten. Obwohl er unter dem Bart keinen Kragen trägt, ist er doch im Sonn­tagsstaat: weißes Hemd, schwarz schimmernder Gehrock, gewichste Stiefel und eine steife schwarze Hose, die von Trägern gehalten wird. Welten trennen ihn von den trägen Blicken der beiden rotblonden Jungen, die seine Frau Ida, eine geborene Borders, zur Welt gebracht hat.
»Wo steckt denn meine bessere Hälfte?« fragt der Alte.
»Die ist im Haus bei ihrem Nachwuchs. Mit Ihrer Tochter und den Enkelinnen, Mr. House.« Als der Alte sich brummend abwendet, hebt Ted die Stimme. »Eine gute Aussicht haben sie von hier, die Frauen und Kinder!«
Henry Short drückt sich vorbei, mit ausdrucksloser Miene, seine Büchse in einer Linie mit dem Bein.
»Du auch?«
»Laß Henry zufrieden«, sagt Bill House, der eben herauskommt. Bill House ist dreißig, ein kräftiger, vor Gesundheit strotzender Mann, das Gesicht von der Sonne zerknittert.
Mamie Smallwood ist Bill nach draußen gefolgt. Als ihr Bruder sich umdreht, um sie zu beruhigen, schreit die dralle junge Frau: »Ach, laß mich in Ruhe!« Sie weint. »Wo steckt ihr Kleiner? Er ist doch erst drei!«
Der alte Dan schüttelt den großen Kopf und geht weiter, er wei­gert sich, das noch länger anzuhören. Dan und Lloyd, die Jungen, fol­gen ihm auf dem Tritt hinunter zum Meer.
Eine junge Frau kommt ums Haus. »Mr. Smallwood? Bitte, sagen Sie mir, was hier los ist.« Als der Postmeister stumm bleibt, schreit sie auf: »Allmächtiger!« Dann eilt sie wieder davon. Noch immer ruft sie nach ihrem Jungen. Langsam kommen die Männer der Insel zusammen, zwanzig oder mehr. Alle haben sie Flinten oder Büchsen dabei. Charlie T. Boggess hat sich während des Hurrikans den Fuß vertreten und hinkt. »Nu ist’s aber genug, Weib! Genug!« schreit er, um dem Rufen seiner Frau ein Ende zu machen. An den Postmeister gewandt, sagt er: »Warum könnt er nicht einfach zufahren! Weiter nach Key West!«
Ted sagt: »Hörst du Ethel nicht schreien? Gnipf du mal besser nach Hause und kümmer dich um deinen Knöchel.« Isaac Yeomans, der gerade vorbeikommt, sagt: »Key West? Von wegen! Das ist keiner von der Sorte, die klein beigibt.« Der Alkohol hat Isaacs Temperament ent­facht; fast scheint es, als erheitere ihn, was die anderen mit Grausen erfüllt. »Erinnerst du dich noch an Sam Lewis, Ted? Drüben in Lemon City?«
Smallwood nickt. »Sam Lewis, den haben sie auch gelyncht.«
Bill House bleibt auf den Stufen stehen. »Wr sind doch hier kein Mob!«
»Ach nein?« Der Postmeister richtet das Wort an Bills Vater. »Was, wenn er bloß wiederkommt, um seine Familie abzuholen, und dann gleich weiterfährt?«
Bill House meint dazu: »Weiterfährt, Ted? Das ist gut gesagt. Und dann macht er dasselbe woanders noch mal.«
»Mr. Smallwood? Haben Sie meinen kleinen Addison gesehen?«
Die Männer kehren der jungen Frau den Rücken und starren nach Süden. Das herankommende Boot ist ein dunkler kleiner Fleck im zin­nernen Licht der Bucht von Chokoloskee.
Henry Short lehnt seine Winchester .30-30 in eine Astgabel des großen Kokkelstrauchs, den der Hurrikan über die Lichtung geworfen hat. Das Gewehr ist nicht mehr zu sehen, sobald er sich gegen den Strauch lehnt, und seine Arme hält er verschränkt, als wollte er zu ver­stehen geben, daß ihn das alles hier nichts angeht.
Hinter dem nahenden Schiff neigt sich der Tag. Im Unterholz stehen, halb verborgen, die bewaffneten Männer, ihre Nerven so angespannt, daß sie nicht einmal nach den Moskitos schlagen. In der Abenddämme­rung dieses finsteren Tages, im Schatten der Bäume, kann der Postmei­ster die Gesichter unter den alten, zerschlissenen Hüten nicht mehr erkennen. Seine Nachbarn wirken so anonym wie Gesetzlose.
Ohne das Tempo zu drosseln, schlängelt sich das Schiff, die Austernbänke umsteuernd, auf sie zu. Der Mann am Ruder ist nur eine Silhouette, sein breitkrempiger Hut sitzt ihm tief in der Stirn. Isaac Yeo­mans knickt seine Flinte und späht durch die Läufe, schiebt zwei Patro­nen hinein und rückt sich den Filzhut zurecht. »Scheint fast so, als soll­test du dich mit uns zusammentun, Ted.« Isaac starrt übers Wasser. »Wir sind auch mit ihm befreundet. Wir sind auf das hier genausowenig aus wie du.«
»Er zahlt seine Rechnungen und ist auch sonst anständig zu mir. Ich wüßte nicht, was ich gegen ihn haben sollte.« Smallwoods Worte an Yeomans und Boggess, beide schon seit fünfzehn Jahren mit ihm befreundet, sind voller Eindringlichkeit. »Ihr Burschen hattet doch euer Lebtag keinen Arger mit ihm, und außerdem trefft ihr beiden doch sowieso nichts. Also nehmt endlich die verdammten Gewehre weg.«
Andere stehen noch zaudernd neben dem Laden, als scheuten sie den Gang hinunter zum Anlegeplatz. Seit einer Woche tragen sie die­selben Hemden, ihre Angst macht sie reizbar. Es liegt ihnen viel daran, Ted Smallwood hineinzuziehen. Wenigstens das Mitwirken des Post­meisters würde dem, was ohnehin nicht mehr zu verhindern ist, einen Hauch von Respektabilität verleihen. Ist keiner unschuldig, so trifft auch niemanden Schuld.
Leute vom Lost Man’s River, die hier vor dem Sturm Zuflucht gesucht haben, stehen neben der Veranda des Ladens, kaum hundert Meter von der Anlegestelle.
Einer ruft aus: »Sieht ja geradeso aus, als hättet ihr’s drauf abge­sehen, ihn über den Haufen zu schießen.« Henry Thompson ist ein hochgewachsener, sonnengegerbter Mann von der Schlaksigkeit eines Hundes.
Ein anderer nickt eindringlich und räuspert sich. »Und ich hab gedacht, ihr wolltet euch als Hilfssheriffs vereidigen lassen! Ich hab gedacht, ihr wolltet ihn verhaften!«
»Der läßt sich nicht verhaften«, sagt Bill House. »Das haben die Männer hier neulich schon festgestellt.«
»Ist wohl am besten, wenn keiner zurückbleibt!« ruft der alte Dan House.
Einer der Männer sagt: »Ich glaube, Ted weiß genausogut wie wir, was zu tun ist. Er will nur einfach nichts damit zu tun haben.« Ein ande­rer meint mit einem gackernden Lachen: »Zur Hölle, Ted, da gibt’s wohl nichts zu fürchten, wenn zwei Dutzend aus dem Hinterhalt über einen Mann herfallen!«
»Vielleicht ist es ja nicht so, wie ihr denkt. Vielleicht hab ich ja Angst davor, kaltblütig einen umzubringen.«
»Der hat vor kaltem Blut keine Angst, Ted. Je kälter, um so bes­ser.«
»Kein Gericht, das ihm das bewiesen hätte!«
»Aber bloß weil wir hier unten keins haben.«
Hinter den Männern drücken sich Knaben mit Steinschleudern und einschüssigen Kleinkalibergewehren herum. Jemand schreit sie an, sie stehlen sich ins Holz und kommen in großem Bogen wieder zurück, mit Augen, die leuchten wie die von Waschbären.
Im braunen Schatten des Waldrandes steht Henry Short. Er scheint sich ganz auf die weiße Bugwelle zu konzentrieren, mit der das dunkle Schiff mit dem an Gewehrfeuer erinnernden putt-putt-putt das kabbelige graue Wasser der Fahrrinne durchpflügt. Die Silhouette des einsamen Schiffers vor dem Abendhimmel wird langsam größer.
Die Frauen rufen aus dem Wald. Der alte Dan ruft seinem Schwiegersohn zu: »Wenn du sein Freund bist, dann geh seinen kleinen Sohn suchen!«
Im Kreis streift er durch die windgezausten Bäume. Im Wald herrscht Schweigen, auch die letzten Vögel sind verstummt, das Bellen der Hunde verebbt. Nur die Moskitos sind unterwegs und wehklagen in den Gumbos.
Immer wieder ruft er nach dem Jungen.
Abrupt grunzt ein Wildschwein, einmal nur, und schreckt die Stille auf.
Die junge Mutter folgt ihm zurück zum Haus und geht hinein. Hinter dem salzverkrusteten Fliegengitter erscheinen die Frauen in ihren weißen Schürzen wie Gespenster. Keine von ihnen weint. Ihre kleinen Töchter zupfen zaghaft an ihren Röcken. Daumenlutschend starren die Kleinen in Richtung des Schiffes.
Smallwood drängt sich vorbei, zur Tür hinein, nicht sicher, wohin er überhaupt will. Seine Frau hält die Hand der Mutter des Jungen in der ihren. »Hätte ihn daheim behalten sollen«, sagt er. Als er zu laut mit sei­ner Laterne hantiert, hebtMamie einen Finger an die Lippen, als könnte der Mann auf dem Boot draußen es hören.
»Dahinter steckt doch Daddy, oder?« flüstert sie. »Und natürlich Bill und Dan!«
Smallwood schlägt klatschend nach einem Moskito, hebt die Fin­ger und blickt forschend auf das Blut. »Zündet den Mückentiegel an«, sagt er. Die kleine Thelma läuft zu dem zerbeulten Eimer voll Holzkohle aus schwarzen Mangroven, die mit Erde bedeckt ist.
Er richtet seine Augen auf seine Mamie Ulala, ohne die junge Frau zu beachten, die in Trance zu sein scheint. Er sagt: »Sie stecken alle dahinter. Alle außer den Männern vom Lost Man’s River.«
Seit einer Ewigkeit war dieser finstere Tag schon vorherzusehen. Selbst die junge Frau, mit ihrer vagen Vorahnung, scheint dies zu wis­sen. Der Tag ist fortgeschritten, und ein Leben nähert sich im raschen Lauf seinem Ende.
»Sie wollen der Sache endlich ein Ende machen«, murmelt er.
Die kleine Thelma und ihre Freundin Ruth Ellen stehen in der Ecke und schirmen die Kleinsten vor etwas Schaurigem ab. Ruth Ellens Mutter drückt Baby Amy an sich, das erst fünf Monate zuvor unten in Key West zur Welt gekommen ist. »Ad«, flüstert sie dem verschwunde­nen Jungen zu. »Ich bitte dich.«
Der Motor erstirbt, und eine tosende Stille schwappt vom Wasser herauf. »Daddy«, sagt die kleine Thelma und beginnt zu wimmern. Als der Postmeister sie in die Arme nimmt, steckt sie den Daumen in den Mund. Außer sich schiebt er sie ihrer Mutter zu und folgt der jungen Frau wieder nach draußen. Immer wieder muß er gähnen.
Durch die geknickten Äste sieht man die Barkasse unter dem auflandigen Wind auf Smallwoods Landeplatz zutreiben, ein Stück westlich der Stelle, an der vor dem Sturm noch seine Pier gewesen war. So wild, wie Teds Herz pocht, muß der Schiffer es einfach spüren und gewarnt sein vor den Bewohnern der Insel im Dunkel der Bäume.
Im letzten Licht des Tages erblickt der Postmeister den kleinen Addison, der sich im Gebüsch versteckt und wie ein Späher die vielen Männer mit ihren Gewehren beäugt. Smallwoods Stimme versagt, als er den Jungen ruft, niemand hört ihn. Er eilt die Treppe hinunter, ruft aber nicht noch einmal.

Wovor hatte er Angst gehabt? Daß seine Nachbarn ihm seinen Ruf als Warnung auslegen könnten?
Gewarnt oder nicht, der Mann würde so oder so an Land kommen.
Jetzt gleitet, wie ein Schatten, Henry Short aus den Bäumen, geht hinter den Männern vorbei und hinunter zum Strand. Lautlos watet er ins Wasser, gleich rechts von Bill House und dessen Vater.
Schmatzend kommt die Bugwelle den Strand herauf und verläuft sich wieder. Die Zeit bleibt stehen, als ziehe ein Strudel sie in seinen Bann. Smallwoods Herz schlägt wie wild, die Hände fahren ihm hoch zu den Ohren.
Der Vordersteven des Schiffes fährt knirschend in tote Mollusken. Stille.
Die Erde dreht sich. Ein ruhiger Gruß, es werden Worte gewech­selt. In einer Linie, am Wasser entlang, bewegen die Männer sich auf den Mann zu. Smallwood ringt nach Luft. Als er den Tag der Abrechnung auf so unerträgliche Weise verschoben sieht, verspürt der Postmeister nur gedämpfte Erleichterung, Hochstimmung jedenfalls nicht.
Bald wagen sich Mamie und ihre Freundin heraus. Sie unterhal­ten sich und lächeln, um sich zu entspannen, und gehen dann den klei­nen Hügel zum Wasser hinunter.
Ein Zweig knackt, und das Zwielicht wird schärfer. Ein brutaler Wechsel, der Peitschenknall eines Schusses, nein, zweier Schüsse auf einmal. Die Zeit reicht für ein Echo, ein schrilles Kreischen, dann zer­reißt eine Salve wilden Gewehrfeuers den letzen Abend der alten Zeit auf der Insel in tausend Stücke.
Förmlich und steif, als posiere sie für ein Foto, steht die junge Frau vor seinem Haus, ihr braunes Kleid in der Dämmerung fast schwarz, das Gesicht weiß wie Salz.
Mamie rennt auf sie zu, aber die junge Frau ist es, die die schluch­zende Mamie an ihren Busen drückt, ihr übers Haar streicht und über ihre Schulter dem Postmeister, ohne ihm die Gnade auch nur eines ein­zigen Wimpernschlags zu erweisen, in die Augen sieht. Sie erscheint völ­lig ruhig. Es war Mamies Kreischen; noch hat er es in den Ohren. Schüchtern und mit weichen Knien geht er auf die beiden zu.
Mamie entwindet sich ihm, und ihr Mund beginnt zu arbeiten. Mit einer tiefen, schauerlichen Stimme sagt sie: »Ich gehe weg! Ich gehe weg von dieser gottverlassenen Insel! Ich gehe weg!« Die Kinder starren sie an. Unter dem bellenden Gejohle der Jungen und dem Gekläff der aufgeschreckten Hunde bugsiert er die kleinen Mädchen ins Haus. Als die kleine Thelma zu wimmern beginnt, schüttelt er sie. »Hinein, habe ich gesagt!« Angesichts des Zorns in seiner Stimme, löst ihr Gesichtchen sich auf, und sie läuft ins Haus.
Die junge Frau geht zu ihrem kleinen Sohn, der hingefallen ist, als er heulend floh, und die Knie jetzt voll Hurrikanschlick hat. Sie zieht ihn an sich, als entreiße sie ihn den bewaffneten Männern, die sich wie ein einziges großes Tier durch die Dunkelheit bewegen. Einige drehen sich um und starren sie an.
Schon einen Augenblick später kriecht sie unter das Haus, zerrt ihre Nachkommenschaft in Hühnerschlamm und Dunkelheit.
»Allmächtiger, nein«, flüstert sie, und Entsetzen übermannt sie.
»O du lieber Gott«, stöhnt sie.
»Allmächtiger Gott!« schreit sie. »Sie bringen Mister Watson um!«

Written By
More from admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.