Chandler Brossard – Wacht auf! Wir sind gleich da!

Kimo, der junge Häuptling von Kula, redete ganz offen mit ihr in dieser durchzitterten Januar­nacht. »Schwester Eulalia«, sagte er, seine Stim­me sonor, voll Feuer, samtweich, »Sie und die an­­deren Schwestern müssen auf der Stelle fort von hier. Ihr Leben ist in Gefahr.«
»Wir können nicht gehen, Kimo. Wir können un­sere Arbeit hier nicht im Stich lassen. Die Missionsschule, das Krankenhaus, all die Dorf­be­woh­ner, die auf uns angewiesen sind. Wir würden sie und uns selbst verraten, liefen wir jetzt davon.«

Er legte ihr eine kräftige schwarze Hand auf die Schulter. »Sie müssen das alles vergessen. Sie gehören der Vergangenheit an. Und die Ver­gangenheit existiert in meinem Land nicht mehr. Aber Sie existieren noch, Schwester, Sie und die anderen liebenden, barmherzigen Schwestern. Aber Sie müssen eines verstehen: die Bwaki wüten wie im Wahnsinn. Sie brandschatzen, töten, zerstören, was ihnen in den Weg kommt. Sie können diese Menschen nicht verstehen und was sie dieser Tage im Herzen haben. Hass und Irrsinn verzehren sie. Vom Alkohol ganz zu schweigen. Unmöglich, sich in Ruhe mit ihnen zusammen zu setzen und zu diskutieren. Sie sind zur Ruhe nicht fähig. Sie wollen blutige Rache üben an der Welt, die sie unterdrückt hat. Was ich Ihnen zu sagen versuche, Schwester, man wird Sie und Ihre wunderbaren Nonnen nicht nur töten, sondern vergewaltigen und foltern, bevor man sie schließlich ermordet.« Er verstummte für einen Augenblick. »Verzeihen Sie mir, dass ich so direkt bin, aber es geht nicht anders.«

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Leseprobe

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Sie saßen auf der Treppe vor dem weiß getünch­ten Missionsgebäude. Die Dunkelheit schien zum Greifen. Einige halbnackte Kula hatten sich vor der Mission versammelt und unterhielten sich leise. Von der unbefestigten Straße weiter unten kam abwechselnd das Jaulen und Bellen einer der vielen Promenadenmischungen des Dorfes herauf. Ein Radio in der Mission brachte zwischen alter amerikanischer Tanzmusik Mel­dungen über den Bwaki-Aufstand. Aus den Bäumen hinter der Mission kam immer wieder das Kreischen der Fledermäuse. Die surreale Ge­genüberstellung dieser Laute, dazu Kimo in Ox­ford geschulter Akzent, das alles sorgte für schaurige Gefühle in Schwester Eulalia. Für ge­wöhn­lich fühlte sie sich als Mensch in ihrer Ganz­heit geschlossen. Jetzt jedoch versuchte je­des Geräusch sowohl in seiner Ab­so­lutheit als auch in seiner reichen Palette auto­nomer Impli­kationen (die sich wiederum mit anderen Ge­räuschen bissen) ihre offizielle und persönliche Einheit zu zerstören. Sie in ihre wider­sprüchli­chen Identitäten zu zerteilen. Kimos Akzent stellte erhebliche Ansprüche an sie in diesem fernen afrikanischen Dschungeldorf, weil er sie in ihre eigene Schulzeit in England zurückver­setz­te; die Hunde weckten die Identität in ihr, die im Ghetto von Harlem Dienst getan hatte; das leise Geflüster der Eingeborenen einige Meter weiter war ihr Hier; die amerikanische Bigband­mu­sik enthüllte ihre verloren gegangene, weil kasteite normale Weiblichkeit; die hektischen Meldun­gen über den Krieg schufen eine ganz neue verängstigte Person der Zukunft. Sie versuchte alle diese Personen zu unterdrücken (alle ver­langten freigelassen zu werden, um ihrer Wege zu ziehen) und sich gleichzeitig auf das un­mit­telbare Problem als Leiterin der gefährde­ten Mission Unserer Lieben Barmherzigen Frau zu konzentrieren. Aber sie wehrten sich, diese verschiede­nen Mitglieder ihres Lebens, mitsamt den verschiedenen Ländern, aus denen sie kamen. Sie versuchte besondere Reserven an Kraft und Energie aufzubieten, nicht aus ihr selbst heraus (ihre Energie hatten sich die an­de­ren Identitäten mit ihren durchaus authenti­schen Forderungen unter sich aufgeteilt), nein, sie wandte sich an jemand anderen, jemand weiter weg, über ihr. An die neue Schwester Eulalia viel­leicht, die so endlos fern (aber natür­lich auch wieder ganz nah) war und in gewissem Sin­ne eine göttliche Abstraktion, ein Stern im Weltall, der Sig­nale ausstrahlte und Licht.
Jetzt drang aus dem fernen Dschungel das Bummern uralter Trommeln herüber, das Ein­ge­bo­re­­nentelefon. Runde weiche Botschaften, ein­dringli­ch, nachhaltig, unendlich subtil.
»Ich habe keine Angst, Kimo«, sagte sie schließlich und faltete die glatten weißen Hände im Schoß.
Er seufzte so tief, dass man es für ein Stöhnen halten können. »Liebe Frau. Ich weiß, Sie haben keine Angst. Sie haben Gott auf ihrer Seite. Ihre Traditionen, ihr Intellekt haben die ganze Ge­schichte christlichen Märtyrer­tums zum Trost. Ich bin mir dessen bewusst. Aber so wunderbar ge­wisse Dinge auch sein mögen, Bach, grego­ria­ni­sche Gesänge, sie ändern nichts an den schlichten Gewohnheiten des Zentral­ner­ven­sys­tem, das kann ich Ihnen versichern. Gott, Ge­schichtsbücher, alle singenden Mönche der Welt wer­­den es nicht am Schreien hindern, wenn die ­­trun­ke­n wütenden Bwaki-Krieger Ihnen die Fin­ger aus­rei­ßen und die Brüste abschneiden.« Er senkte den Kopf. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen. Ich habe das miterlebt. Sie wollen nicht nur Ihren Körper zerstören und entweihen. Sie wollen Ihre Seele. Sie wollen Ihre Ewig­keit zerstören. Ich werde das nicht zulassen, meine Liebe. Nie und nimmer.«
Sie nahm seine Hand und hielt Sie in den ihren wie das Kind seiner schmerzlichen Sorge. »Na schön. Ich sage Ihnen, was ich mache. Ich…« Sie sah sich von einer lauten Meldung aus Stan­ley­ville unterbrochen: »Nach einem Tag hef­ti­ger Kämpfe aufständischen Bwaki muss­ten die Regierungs­truppen sich aus Detroce zu­rück­zie­hen. Laut General Oto, der die Kräfte auf drei­tausend Mann ­schätzt, fanden dabei drei­hun­dert Rebellen den Tod. Dem General zu­folge stehen erwiesenermaßen ausländische kom­munis­tische Kräfte hinter dem Aufstand. Die Re­gierung wie­derholt den Befehl, alle Aus­länder in Kotus Nord­westprovinzen sofort zu eva­ku­ieren, da die Rebellen dort im großen Um­fang Gräuel an den Malu begehen.«
Sie holte tief Luft und fuhr fort, »Ich werde die Schwestern darüber abstimmen lassen, ob wir bleiben sollen oder lieber fliehen. Wie auch im­mer ihre Entscheidung ausfallen wird, ich wer­de mich daran halten.«
Ein steinalter, gekrümmter Mann, der am Stock ging, erschien aus der atmenden duftenden Dun­kelheit. er sagte etwas auf Kula und schenkte Schwester Eulalia drei Mangos, die in ein Ba­na­nenblatt gewickelt waren. Bevor sie sich bei ihm bedanken konnte, hatte sich verbeugt und war verschwunden. »Was für ein lieber alter Mann«, sagte sie.
»Würden Sie bitte noch heute Nacht mit den an­deren Schwestern darüber reden«, flehte Kimo sie an.
»Ja. Ich verspreche es. Aber was ist mit dir? Hast du keine Angst, die Bwaki könnten dich und die anderen hier im Dorf töten?«
Er starrte einige Augenblicke auf seine Hände. »Nein. Ich bin auf der Seite der Bwaki.«
Alles in ihr kam zum Stillstand. Sie war ein ge­lähmter Augenblick, losgelöst von Vergangen­heit, Gegenwart und Zukunft. »Du bist was?«
»Ich habe mich und meinen Stamm der Sache der Bwaki verschrieben. Wir haben uns der Re­­bellion gegen die weißen Unterdrücker ange­schlossen.«
Der Augenblick, der ihr Jetzt gewesen war, zog in eine andere Zeit zurück, um sich Kraft zu holen. »Oh, so ist das.«
»Die Bwaki wollen nur die Weißen vernichten und ihre schwarzen Marionetten vernichten. Der Tag der weißen Blutkörperchen ist vorbei, lie­be Schwester. Wir stehen auf der Schwelle des Er­wachens. Bis jetzt war die ganze Geschichte ein schlimmer Alptraum.«
Was er da sagte, war viel zu gewichtig und komplex, um es dort auf der Treppe zu as­si­mi­lie­ren und verarbeiten. Für den Augenblick musste es eine einfache Handlung tun. Sie stand auf und wischte sich den Rücken ihrer Tracht ab. »Ich gehe mal rein, um mit den anderen zu sprechen. Ich lasse Sie sofort wissen, was wir be­­schlossen haben.«
Etwa drei Stunden später begannen die Bwaki ihre Orgie unter Amerikanern und Europäern; sie wurden vergewaltigt, gefoltert, ermordet, ihr Ei­gen­tum wurde verbrannt. Die Täter waren eine bewaffnete Horde von etwa hundert halb nackter Bwaki, die entweder high auf Haschisch oder betrunken waren. Die Schreie ihrer weißen Opfer, insgesamt einundvierzig, darunter zehn Angehörige des Peace Corps, mischten sich auf absurde Weise mit dem freudigen Johlen der Bwaki und dem wilden Gelächter der Dorf­be­wohner, die sich größtenteils ebenfalls be­tran­ken und dem Spektakel als verzückte Zuschauer beiwohnten. Einige von ihnen, merkwürdige junge Leute, sorgten für bei den Festivitäten für eine weitere schaurige Dimension, indem sie Ge­schrei und Gebärden der weißen Opfer nach­äfften, die man – auch die sieben Nonnen – auf die von Mond und Flammen beleuchtete Straße hinauszog. Dort rissen ihnen die ekstatisch to­ben­­den Bwaki die Kleider vom Leib. Ihre weißen Körper inmitten von soviel Schwarz schie­nen zu grotesk, um menschlich zu sein, und damit etwas abstoßend Unnatürliches, das die Natur (deren Komplize die blinde allum­fassende Dun­kel­heit war) selbst ausmerzen musste, um dem Wahnsinn ein Ende zu machen und das Gleich­gewicht – oder die Einstim­mig­keit – wie­der­herzustellen.
Man folterte die Weißen, schlug sie, ver­ge­waltig­te sie; die wild lodernden Flammen der brennen­den Häuser gaben der Szene etwas vom Ende der Welt. Über jedem der Weißen tobte eine Schar kreischender Bwaki. Vier Männer vom Peace Corps sahen sich von einem Dutzend Bwaki vergewaltigt, die ihnen, als sie das Trei­ben müde wurden, mit Macheten die Genitalien abhackten (später dann auch noch Arme und Beine und schließlich den Kopf).
»Oh bitte!«, schrie ein blutüberströmter Junge. »Mutter im Himmel! Helft mir doch! Oh Mutter!« Zwei schwankende Bwaki zogen ihn zu einem der brennenden Häuser hinüber, schlugen ihm mehrere Male mit den Gewehr­kolben auf den Kopf und warfen ihn dann in die Flammen.
Ein anderer Mann, man hatte ihm die Ohren ab­ge­­schnitten und er blutete stark aus dem Anus, schrie: »Lasst mich gehen! Oh bitte lasst mich ge­hen! Ich gebe euch Geld, soviel ihr nur wollt!« Ein lachender Bwaki in einem Leo­par­denfell schnitt ihm darauf die Genitalien ab und steckte ihm die blutenden Dinger in den Mund, bevor er auf seinem Bauch zu tanzen begann. Ein nackter kleiner Junge, der einige Meter weiter in der Menge stand, klatschte entzückt in die Hände, johlte wild und stampfte mit Beiden Füßen, als würde er einen Weißen zerstören.
Zwei Bwaki, die von anderen Begegnungen be­reits mit Blut bespritzt waren, rangen mit drei von Schwester Eulalias Nonnen, Schwes­ter Margaret, Schwester Theresa und Schwester Mary, die ohne ihre Tracht gar noch feister war. Mary und Teresa weinten und schrieen, als die Männer sie bissen und schlugen, Margaret dagegen gab auch nicht einen Laut von sich, während sie mit dem tobenden schwarzen Hünen rang, der auf ihr saß. Ihr undenkbares Schweigen machte den Mann noch rasender, und er schlug sie mehrere Male ins Gesicht, um ihr irgendeinen Ton zu entringen, aber außer Blut wollte nichts kommen. Ihr Körper wurde schlaff, als der Bwaki sie wild zu vergewaltigen und zu beißen begann. Er leckte ihr das Blut vom Gesicht, das aus Mund und Nase kam. Die Menge kreischte beifällig.
»Töte ihr Geschlecht!«, rief jemand.
»Ja, ja!«, skandiert einige. »Ja, ja!«
Die feiste Schwester Mary stieß einen mark­er­schüt­ternden Schmerzensschrei aus, als der Mann, der sie vergewaltigte – er hatte sie mit­tlerweile über sich gezogen – ihr einen Nippel abbiss und sein Gesicht in der Fülle ihre blutenden Brust zu reiben begann. »Rette mich, Jesus, Herr!«, heulte sie. »Rette mich!«
Ein anderer Bwaki schloss sich ihm an. Er trat die Schwester so heftig in den gewaltigen Hintern, dass Sie über den Blutsauger fiel. »Jesus Herr Scheiße!«, rief der Mann aus. Er drosch mit einem Knüttel auf ihren Hintern und Rücken ein und rief dabei. »Jesus Scheiße! Jesus Scheiße!«
Der Mann unter ihr riss ihr brutal die mächtigen Hinterbacken auseinander und drang in sie ein. Der zweite Bwaki ließ darauf den Knüttel fallen, warf sich auf ihren Rücken und rammte ihr sein Glied in den sich öffnenden Anus. Der Haufen Eingeborener schrie jubelnd auf. Ab­wechselnd bellend und winselnd umkreiste sie eine völlig überdrehte Promenaden­mischung; dann und wann schnappte sie zu.
Auch Schwester Theresa sah sich von zwei der betrunkenen schwitzenden Krieger gepeinigt. Sie lag auf dem Rücken. Einer der Krieger saß auf ihr und rieb ihr seine Genitalien übers Gesicht, während der andere sie wie ein Rasender zwischen den Beinen leckte und biss. Ihr Widerstand ließ allmählich nach. Unter dem Tosen des Feuers stürzte eines der brennenden Häuser in sich zusammen. Rauschschwaden um­hüllten das Dorf und die außer Rand und Band heulenden Horden. Aus dem Wahnsinn der Gerüche drang der Gestank von brennen­dem Fleisch. Schließlich explodierten die in einer der Hütten des Peace Corps gelagerten Kerosinka­nis­ter und beleuchtete die Szene für Augen­blicke mit einer Supernova aus Splittern und bren­nendem Holz. Die dämonischen Horden brachen in Jubel aus.
Direkt vor dem brennenden Missions­gebäude verschlangen die völlig dem Blutrausch ver­fal­lenen Krieger buchstäblich Schwester Anna und Schwester Catherine. Zwei lachende, blutver­schmierte Rebellen hielten die sich heftig zur Wehr setzende Schwester Anna fest, während ein Dritter ihr mit der Machete eine ihre großen Brüste abhackte. »Ahhhhh!«, kreischte sie, als das Blut über ihren sich winden weißen Körper schoss. »Hab Barmherzigkeit, Jesus!« Dann stieß ihr der Mann, außer sich vor Erregung, die Machete in den Bauch und schlitzte sie auf. Ein Sturzbach von Blut ergoss sich aus ihr. Der Mann ließ die Machete fallen und begann ihr, durch den Anblick vollends dem Wahnsinn verfallen, an ihren Eingeweiden zu zerren – Ge­därme, Lunge, Herz, was immer sich greifen ließ, er warf es in die Masse kreischender, tan­zender Kula und mordlustiger Bwaki hinter ihm.
»Ja! Ja!«, kreischte eine Frau. »Gut machen! Gut Blut!«
Die beiden Männer, die Schwester Anna ge­halten hatten, ließ ihren zerfleischten Leib fallen, und zwei andere begannen ihr unter Ge­schrei in ihrer eigenen Sprache Kopf, Arme und Beine abzuhacken. Dann warfen sie die abge­trennten bluttriefenden Gliedmaßen in die Luft.
»Böse Schwester!«, schrie eine Frau, die einen der Arme auffing. »Alle fort. Oh ja!« Wie von Sinnen begann sie mit dem blutigen Arm auf einen Mann neben ihr einzuschlagen. Der Einge­borene, der die Schläge abbekam, reagierte mit wildem Gelächter.
Eines der ersten Häuser, das man geplündert und ange­steckt und in dessen Flammenhölle man dann – mit Ma­schinenpistolen zu bluten­den Lum­pen­bün­deln geschossen – die Besitzer, ei­nen Inder und seine Frau, geworfen hatte, war die Kurzwarenhandlung. Neben dieser peitschte man einen armen jungen Kerl aus dem Peace Corps, wenn man ihn nicht gerade zu einer Reihe sexueller Handlungen zwang. So musste er etwa zwei betrunkene Krieger fellieren, und während er vor einem kniete, kam ein kleiner Junge, der das recht komisch fand, aus der Menge und pisste ihn an. Ganz unvermutet befreite der junge Mann sich von seinen Peini­gern und rannte auf den Dschungelrand etwa fünfzig Meter hinter dem Laden zu. Statt sie aufzuregen, amüsierte die Bwaki diese Ent­wicklung der Dinge, da der arme Kerl sich ganz vorzüglich als Zielscheibe verwenden ließ. Die beiden gekonnt und kräftig geschleuderten Speere, mit denen man ihn erlegte, trafen ihn in den Rücken und staken vorne noch ein gut Stückchen heraus. Das Publikum klatschte und tat ob der Zur­schaustellung von soviel Talent lauthals seine Bewunderung kund.
Etwas ganz Besonderes, ein Ritual könnte man sagen, vollzog sich ein Stück weiter unter dem aus­ladenden Geäst eines gewaltigen uralten Euka­lyptusbau­mes. Man hatte dort Schwester Bertha an ein mächtiges, aus zwei Balken von einem Stapel hinter der Mission gefertigtes Kreuz gefesselt, das gegen den Stamm des großen Baums gelehnt stand. Ein riesiges Freu­denfeuer aus Möbeln, Betten und Papieren aus der Mission beleuchtete, was da geschah. Die Menge rund um dieses Spektakel war besonders groß und laut, und die schwitzenden schwarzen Körper glänzten im Feuerschein. So einige mit Kürbisse mit hausgemachtem Bier machten die Runde unter dem aufgestachelten, trunkenen Schwarm. Man schlug einige Trommeln, zu deren Rhythmen sich der eine oder andere in der Menge zu wiegen begann. Um die fünfzig Krieger – fast alle stark angetrunken – stießen im Freudentaumel Schreie aus, tanzten, schüttelten Speere, Gewehre und Knütteln gegen die nackte Nonne am Kreuz. Einige der Bwaki waren bereits umgekippt und lagen schnarchend auf der Erde, ihre schwarzen Körper mit dem Blut ihrer weißen Opfer be­schmiert. Über den bewusstlosen, dreck- und blutverschmierten Körper eines Mädchen vom Peace Corps gestreckt, lag ein baumlanger ma­gerer Krieger, splitternackt bis auf das Kruzifix und den Rosenkranz der Nonne um seinen Hals. Hin und wieder regte er sich und versuchte sich kraftlos an ein paar Stößen mit dem Becken gegen das Geschlecht des Mädchens (dessen Schenkel obszön gespreizt waren), bevor auch er mehr oder weniger das Bewusstsein verlor.
Wie deutlich zu sehen war, hatten weder Ekstase, noch Wildheit ihres Überfalls dem Humor der Bwaki Abbruch getan. Zwei von ihnen – ein muskelbepackter Riese, der andere ein kleiner dicker Bursche mit einem sil­bernen Ring durch die Nase – hatten sich als Nonnen ver­­kleidet, bis hin zu den weißen gestärkten Häubchen. Auf der Ebene der komischen Darbietung war ihr Auftritt als Transvestiten ein Riesenlacher für die entrückte Menge (und für sie selbst). Auf der tieferen Ebene der Identität taten sich surreale Abgründe auf. Der Anblick zweier frenetischer schwarzer Nonnen, die eine nackte kreischende weiße Frau über die Erde schleiften, hatte nun wahrlich etwas von einer höheren Realität.
»Ich Nonne!“, schrie der Riese. »Ich Nonne. Niggernonne!«
»Mister Nonne!«, schrieen die anderen lachend. »Mister Schwester!«
Vom anderen Ende des Dorfes her waren Schüsse aus Gewehren und Maschinenpistolen zu hören.
Schwester Bertha am Kreuz wirkte so obszön wie erhaben. Mit dem kahl geschorenen Kopf wirkte sie auf den ersten Blick wie in eigen­ar­tiger Mann, ein Eindruck, dem der üppige weiße Körper – die vollen spitzen Brüste mit ihrem kühnen Aufwärtsschwung, das opulente Stun­denglas von Taille und Hüften, die eleganten Linien ihrer glatten weichen Schenkel – auf schockierende Weise widersprach. So hatte es in gewisser Hinsicht den Anschein, dass da im Schein der knackenden Flammen zwei Menschen – ein fremder Mann und eine Frau – aneinandergefügt waren. Ihr Kopf hing auf die eine Seite, und in ihrem Gesicht spiegelten sich nicht etwa Todesangst oder Abscheu, sondern eine er­habene ewige alterlose und offenäugige Geistlo­sig­keit wie das einer Marmorstatue aus der Renaissance. Nicht eine Träne, nicht ein Fleck, nicht ein Makel verunzierte dieses un­endlich glatte und klare Bild. Ihr Schamhaar war ein Inbild unmittelbarer Mensch­lich­keit, etwas, was den ansonsten so groß­­artigen Dar­stel­lungen des Nazareners am Kreuz seit jeher fehlt.
Die Zeremonie begann, als ein grauhaariger al­ter Bwaki, der Häuptling, feierlichen Schritts aus der wimmelnden Menge und vor das Kreuz trat. Er trug ein schimmerndes Zebrafell; seine Handgelenke schmückten goldene Reifen. Eine Elle vor Schwester Berthas Beinen blieb er stehen und sagte etwas, nein, sang die hängende Gestalt im Leierton an. Er rezitierte irgendein rituelles Gebet. Die Menge war mit einem­mal still und nur der Lärm der unmittelbaren Um­ge­bung, das Knacken des sinnlich tobenden Feuers, das gierig Hab und Gut der Mission verschlang, war zu hören. Das melodische, keineswegs hysterische Gebet mochte zwei Minuten gedauert haben, als er plötzlich auf Schwester Berthas Gesicht wies und drei, vier Worte schrie; dann folgte eine abschließende horizontale Geste mit der flachen Hand. (Von ir­gendwo aus dem Dorf kam ein lang gezogener Schmerzensschrei, aber niemand aus dem Kreis um Kreuz und Feuer schien ihn zu hören.) An diesem Punkt der Zeremonie trat ein junger Krieger vor den Häuptling, reichte ihm mit ge­neigtem Haupt einen langen Dolch und zog sich mit einer weiteren Verbeugung wieder zurück. Die Waffe schimmerte elegant im orangeroten Schein. Der Häuptling küsste den Dolch, drückte die eben geküsste Seite der Klinge Schwester Bertha gegen die Stirn (ihr starrer, leerer Aus­druck hatte sich nicht verändert, ihr Körper hatte auch nicht einmal gezuckt angesichts dessen, was rund um ihn vorging; sie befand sich in tiefer Trance). Plötzlich stieß der Häuptling ihr den Dolch zwischen die vollen, festen Brüste und befreite mit minimalem Kraft­aufwand ihr schlagendes Herz. Das Blut, das sich dabei über ihren Körper ergoss (beim Ein­dringen des Dolches hatte sie sich aufgebäumt, die erste Bewegung seit einiger Zeit, aber ihrem Mund entrang sich nur ein langes sanftes Seufzen, kein Schrei), dieses Blut wirkte nicht etwa abstoßend oder beängstigend wie bei den anderen, deren Blut ihre Schönheit besudelt hatte; ihr Blut dagegen trug zum Eindruck einer überir­dischen Sinnlichkeit bei, der sie umgab.
Als der Häuptling ihr das pochende Herz aus der Brust nahm, schnappte die Menge, wie ein Mann, nach Luft, dann folgte ein ehrfürchti­ges, sonores »Ahhh! « Er hielt das blutende Herz so, dass es jeder sah, sprach laut einige Worte und riss dann, eher mit der jähen Wildheit eines Tiers als ein Mensch, mit den Zähnen ein Stück heraus. Das Gesicht voll dunkler Spritzer, be­gann er schluckend zu kauen; Blut lief ihm aus dem Mund. Er sagte wieder etwas und reichte das Herz dann einem strahlende Krieger mit einem Gewehr. Auch der biss ein Stück heraus, bevor er das lebende Herz weitergab. Mit sichtlichem Genuss leckte der Häuptling sich Schwester Berthas Blut, das ihm Unsterblichkeit verhieß, von Händen und Ar­men. So verschlang man die Schwester, und ein Dutzend Krieger nahmen mit ihrem Fleisch ihr Wesen in ihr eigenes Fleisch, ihr eigenes Wesen auf. Jeder von ihnen leckte sich, nachdem er das kleiner werden Herz weitergereicht hatte, sorgfältig, bis zum letzten Tropfen das Blut von Händen und Lippen. Noch während man das Herz ehr­furchtsvoll von Hand zu Hand reichte, tanz­ten die Eingeborenen und Scharen von Bwaki-Kriegern zum Rhythmus der kleinen Trom­meln.
Zwei kleine Jungs warfen einen der kläffenden Dorfköter ins Feuer. Einige Krieger, die noch im­mer nicht genug hatten, liefen auf der Straße auf und ab und schossen in die Häuser, sowohl in die Hütten als auch in die Ziegel­gebäude der verhassten Fremden. Einige der Eingeborenen­frau­en, trieben es – vom allgemeinen Wahnsinn mitgerissen, von Haschisch und selbstgebrautem Bier berauscht – unter hysterischem Geläch­ter mit­ten auf der Straße mit den Kriegern. Gnadenlos durchdrang der Gestank von bren­nen­dem Fleisch, menschlichem wie tierischem, die rauchschwangere Luft. Draußen im Busch bellte, von den Flammen angezogen, wie von Sin­nen eine Hyäne. Und dann dröhnte laut ame­ri­kanische Tanzmusik durch die Straßen. Artie Shaw.
Schwester Eulalia saß in Kimos Haus, einer großen strohgedeckten runden Hütte auf einer leichten Anhöhe am Nordende des Dorfs. Um Halbkreis um sie saßen neben Kimo selbst die beiden Anführer der Bwaki, Benda und Luku. Benda, ein junger Mann Mitte zwanzig, dessen Gesicht eher ägyptische als negroide Züge aufwies, war ein Konsortium engelhafter Ver­achtung. Um den Hals trug er eine schwere Kette aus handgetriebenem Silber und Türkisen, in die mehrere gebleichte Fangzähne ein­ge­ar­beitet waren. Von den Ohren hingen massive silberne Ringe. Er war nackt bis an die Taille; sein Madrasrock leuchtete in Rot und Gelb. Luku, der Luku, der Anfang vierzig war, war der geborene Jäger, ein Wesen von reiner, durch nichts zu korrumpierender Energie. Sein inneres Leuchten, seine tiefe Ausstrahlung verdarb auch nicht ein Hauch von Intellektualität. Zu beiden Seiten seines Gesicht war ein S eingraviert, und seine Zähne waren zu Dornen gefeilt. Er trug das Fell eines Ozelot.
»Die Jungs hauen mächtig auf die Pauke«, sagte Benda mit einem schelmischen Lächeln. (Sein Akzent zeugte von einer guten englischen Pri­vat­schule.) »Ich kann mir vorstellen, dass ihnen das alles ausgesprochen widerwärtig ist, Schwes­ter Eulalia.«
»Ein unsägliches Gräuel«, sagte sie. Kraft ihres Verstands hatte sie Geist und Gefühl in weite Ferne gerückt, um nicht vor Abscheu und Ent­setzen zu vergehen.
»Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt«, hakte Benda nach, »schließlich macht Ihre Kirche das seit Jahrhunderten: die Inquisition, die Kreuzzüge, der Krieg gegen die Wallonen sind nur einige Episoden, die mir dazu einfallen. Wir könnte sogar in der Bibel nachsehen.«
»Sie müssen wahnsinnige Unmenschen sein, daran Freude zu haben«, sagte sie.
Luku lachte kollernd. »Unsere Schwester ist was Besonderes«, sagte er, und auch er hatte einen britischen Akzent. »Sie würde eine gute Ehefrau und Gespielin abgeben.« Er nahm einen Schluck aus der Flasche Scotch und reichte sie Benda. Kimo fühlte sich sichtlich nicht wohl in seiner Haut, nahm das ganze aber philoso­phisch. Immer wieder senkte er den Blick auf den Boden – meist nachdem er in den Gesich­tern der anderen nach einer Antwort gesucht hatte, nach einem Ver­­sprechen, nach einer neuen Dimen­sion von Realität.
»Gegen meine historischen Fakten kommen Sie nicht an, was, Schwester?«, fragte Benda und nahm einen Schluck aus der Flasche. »Ah ja, das überrascht mich nicht. Ihr weißen Christen seid alle gleich. Ihr weigert euch, Euer Macht­monopol zu teilen. Ihr verweigert uns schlicht – und grob – das Recht, dieselben Gräuel zu be­gehen wie ihr. Euer Konzept, euer ganzes Sys­tem basiert auf Herrschaft und Überlegen­heit. Bei jedem Verstoß gegen diese apriorische Eitelkeit dreht sich euch der Magen um, aber lernen tut ihr daraus nichts.«
Für Schwester Eulalia war er das Fleisch ge­wor­dene Böse. Sie hatte das Gefühl, dass er unend­lich mehr war als nur der höhnische Wilde, der da vor ihr saß und auf ihre physische Vernich­tung sann. »Was soll dieses absurde Verhör?«, fragte sie und klammerte sich an ihren Stuhl. »Warum bringen Sie es nicht hinter sich und bringen mich um?« Sie wandte sich an Kimo. »Was haben sie vor, Kimo?«
Er breitete irritiert die Hände aus. »Liebe Schwester, ich bin nicht der Architekt ihrer Ge­danken. Sie sind ihre eigenen Herren.«
»Wissen Sie«, sagte Benda mit einem Lächeln wie Trockeis, »es ist jammerschade, dass ihr armen Dummköpfe euch auf eure Missionen nicht besser vorbereit habt. Ein bisschen Lektüre hätte genügt. Gestatten Sie mir, Ihnen ein paar Worte von jemandem vorzulesen, den Sie kennen dürf­ten. Frantz Fanon.« Er fischte ein Pamphlet aus den Falten seines Rocks und las vor: »›In der Dekolonisation steckt also die Forderung einer vollständigen Infragestellung der kolonialen Situation. Ihre Definition ist, wenn man sie genau beschreiben will, in dem altbekannten Satz enthalten: »Die letzten werden die ersten sein.« Die Dekolonisation macht diesen Satz wahr. Deshalb ist, wenigstens von außen gesehen, jede Dekolonisation ein Erfolg.

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Info
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    Hier entsteht die Website des Übersetzers Bernhard Schmid. Ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche und bin Mitglied des VdÜ.

    Einen kleinen Überblick über meine Arbeiten finden Sie hier, hier und hier.

Von mir übersetzte Titel
  • Shoshana Zuboff -

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  • Mariana Mazzucato -

     

    Warum sind wir so reich?
    »Ein neues Buch diskutiert die Frage, worin wirtschaftlicher Wert besteht. Die Antworten der gängigen Wirtschaftstheorien sind offensichtlich absurd. Und das hat Folgen.«
    Daniel Binswanger
    Republik
    12.05.2018

Von mir übersetzte Titel
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  • Bob Dylan und Amerika -

    SeaWil162

    »Von Bernhard Schmid geschmeidig übersetzt, liest sich Bob Dylan und Amerika so unterhaltsam, gelehrt und elegant wie im mittlerweile zum kanonischen Werk avancierten Original.«
    FAZ, 4.3.2013

Von mir übersetzte Tiel
  • The Sixties -

    »Bernhard Schmid,
    der letztes Jahr eine brillante Übersetzung des
    »Electric Kool-Aid Acid Test« … vorgelegt hat …«
    Willi Winkler
    Die Zeit

    26.8.1988

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Von mir übersetzte Titel
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Work in Progress
  • G.K. Chesterton – William Blake -

    Zum eigenen wie zum allgemeinen Amüsement hier eine Übersetzung, an der ich gerade nebenher arbeite. Sie öffentlich zu veranstalten ist als Experiment gedacht. Sie lässt sich sowohl mitverfolgen als auch kommentieren.