Andrew M. Greeley – Versuchung zur Sünde

Laurence

»Im Büro wartet eine absolut hinreißende Frau auf Sie, Pater Lar. Echt Spitze, sag‘ ich Ihnen.«
Es war Jackie, der Teenager, der einige Tage die Woche nach Schulschluß und abends über die Pforte des Pfarrhauses wacht. Ich war im Schlafzimmer über einem Buch eingenickt.
»Mrs. Quinlan?« fragte ich.
Jackie nickte und drängte mich mit respektloser Eile aus dem Sessel. Als ich ihr sagte, ich müßte mich vor dem Hinuntergehen noch frisch machen, stapfte sie murrend davon, um Marbeth zu sa­gen, sie möchte sich noch etwas gedulden.
Als ich mir das Gesicht wusch und ein frisches Hemd anzog, dachte ich an einen Sommer Anfang der sechziger Jahre zurück, als ich Bud und Mary Elizabeth im Haus meines Bruders in Lake Ge­neva getroffen hatte – aber sicher, auch so mancher von uns aus der 79. Straße hat seine Schäfchen schließlich ins Trockene gebracht. Die Mutterschaft schien ihr gut zu bekommen. Sie war noch schö­ner, als ich sie in Erinnerung hatte.
Doch jedesmal, wenn sie sich zu irgend etwas äußerte, mußte ihr Mann sie abkanzeln.
»Wie kannst du nur so was Dummes sagen, Marbeth. Typische Frauenlogik.« Oder: »Du kannst einfach nicht gradeaus denken, Marbeth. Wie alle Frauen.«
Diesmal war es ein ebenso peinlicher wie grausamer Angriff ge­wesen. Bud schlug sie wahrscheinlich nicht, aber bei diesem endlo­sen Strom von Erniedrigungen war das auch nicht mehr nötig.
Mein Bruder Ed ballte jedesmal eine seiner mächtigen Fäuste.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Leseprobe

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Mary Elizabeth sagte gar nichts. Um die Wahrheit zu sagen, seine Grausamkeit schien sie weder zu kümmern, noch vor uns in Verle­genheit zu bringen. Sie ignorierte ihn einfach, als hätte er gar nichts gesagt. Ja, als existiere er noch nicht einmal.
Liebt sie ihn wirklich, hatte ich mich damals gefragt, so daß es ihr gar nicht auffällt? Oder verachtet sie ihn so sehr, daß es ihr egal ist? Sie ist diejenige, die die Firma leitet, die für ihren Erfolg verant­wortlich ist. Vielleicht genügt ihr das.
Wie sich zehn Jahre später herausstellte, hatte sie die Firma doch nicht ganz so im Griff, wie wir gedacht hatten – jedenfalls nicht ge­nug, um Bud den Ärger mit den Bundesbehörden zu ersparen, als diese ihm wegen Bestechung und Bestechlichkeit zu Leibe rückten.
Als ihr Mann starb, ließ er die sechsundvierzigjährige Marbeth schwanger in seiner ruinierten Firma zurück.
Seither hatte sie nicht nur ihr Kind zur Welt gebracht und die Firma gerettet, sie war auch, schöner denn je, die Reisegefährtin des Kardinals von Chicago geworden.
Bei Buds Totenwache war sie verschlossen gewesen, aber sie hatte nicht eine Träne geweint. War der Verlust dieses dummen Klotzes für sie schmerzhaft gewesen? Eine Frage, auf die wir wohl nie eine Antwort bekommen.
»Was für eine nette junge Frau, Lar!« begrüßte mich Marbeth, als ich ins Büro kam.
»Jackie? Kommandiert einen gern herum, aber das gehört wohl zu einer irischen Katholikin dazu.«
Obwohl der Tag der Arbeit schon vorüber war und die Schule wieder begonnen hatte, war es immer noch heiß. Marbeth trug ein leichtes Kleid mit Blumenmuster. Sie schien, an ihren Maßstäben gemessen, absolut bester Laune.
»Raffiniert von Ihnen, solche jungen Frauen an die Pforte zu set­zen. So fühlt sich der Besucher willkommen. Ein Riesenfortschritt gegenüber der krötigen alten Haushälterin, die einen früher in jedem Pfarrhaus empfing.«
»Ja, manchmal denken sie sogar daran, sich einen Anruf zu notie­ren.«
»Ich habe Ihnen meine Memoiren mitgebracht«, sagte sie und drückte einen braunen Umschlag an ihre Brust.
»Und die wollen Sie mir geben, Mary Elizabeth? Sie müssen das nicht, das wissen Sie.«
»Ich weiß.« Sie zögerte. »Ich werde sie Ihnen trotzdem geben… Es ist nur so, daß ich mich ein bißchen geniere.«
»Ich gebe sie Ihnen zurück. Keine Kopien.«
»Darum geht es nicht.« Sie drückte den Umschlag noch fester an sich. »Ich habe es so geschrieben, daß die Leute verstehen werden, warum John und ich Freunde waren und wie unsere Freundschaft aussah. Ich mußte dazu weit mehr von mir enthüllen, als ich je ent­hüllt habe.«
»Sind Sie sicher, daß Sie das wollen?«
»Ja, es sei denn, Sie sagen mir, daß andere es nicht lesen sollten. Dann nehme ich es zurück.«
Sie hielt mir den Umschlag entgegen. Ich nahm ihn. Unsere Be­ziehung war an diesem Tag entspannter als auf dem See. Die gegen­seitige Anziehungskraft freilich, falls man es so nennen will, war ge­blieben. Sie war nur nicht so auffällig.
»Dürfte ich Ihnen noch zwei Fragen stellen, die mir oben am See nicht eingefallen sind?«
»Gewiß.«
Meine Bitte schien sie weder zu beunruhigen noch schien sie ihr bedrohlich, aber wie sollte man sich bei Marbeth je sicher sein?
»Haben Sie und Johnny jemals davon gesprochen zu heiraten, ich meine, Sie beide?«
»Nein.« Sie schien ziemlich ruhig angesichts einer derart uner­hörten Frage. »Nicht nach der Priesterweihe. Wir sprachen dar­über, während er noch am Seminar war, oder besser gesagt, ich sprach darüber. Wenn ich heute zurückblicke, so glaube ich, daß er weder an der Ehe noch an mir als Ehepartnerin sonderlich interes-
235
siert war. Nach seiner Ordination, als es einem Priester relativ leicht gemacht wurde, aus dem Priesterstand auszutreten, war ich bereits verheiratet. Und dann, als Bud starb und ich wieder hätte heiraten können, war er bereits Erzbischof von Chicago. Um die Wahrheit zu sagen, ich habe nicht den geringsten Grund anzuneh­men, daß sich sein Interesse an mir als potentielle Ehefrau seit je­nem Zwischenspiel am Clearwater Lake geändert hatte – ich war damals dumm genug, mir einzureden, er sollte lieber mich heiraten, anstatt Priester zu werden. John schätzte mich als intime Freundin, nicht als potentielle Ehefrau.«
Sein Pech, dachte ich, sagte jedoch: »Kate hat mir aus dem Brief­wechsel zwischen John und Delia vorgelesen. Ziemlich schreckli­ches Zeug, wenn es ihm auch nicht unbedingt schadet.«
»Kate muß ihn wirklich hassen, um so etwas zu tun.«
»Was ist eigentlich mit ihr passiert?«
»Ihr Groll gegen Johnny wurde zur Besessenheit, nehme ich an. Ihren Mann scheint es nicht zu stören. Warum sollte es also mich stören?«
»Und Sie wurden zum Sündenbock?«
»Unsere Freundschaft hat meine Heirat nicht überlebt. Sie dachte – und denkt es heute noch -, ich hätte ihr Bud ausgespannt.«
»Haben Sie?«
»Natürlich nicht. Sie hatte nicht das geringste Interesse an ihm gezeigt, bis wir miteinander zu gehen begannen. Ich hätte wohl ir­gendwelche Phantasien erraten sollen, von denen sie mir nie erzählt hatte. Vielleicht hat sie aber auch ihre Mutter daraufgebracht. Bei den McGlynns konnte man nie sagen, ob die Worte, die man zu hö­ren bekam, nicht letztlich Delias waren. Die Arme. Kate, meine ich. Sie ist nie erwachsen geworden.«
Reichtum, so erkannte ich einmal mehr, geht nicht automatisch einher mit Intelligenz, Sensibilität, Gesundheit oder Geschmack. Oder Glück. Ich hatte das noch nicht gewußt, als ich die Quinlans damals am Clearwater Lake beneidet hatte.
»Sein Ring?« Ich deutete auf den Rubin, den sie trug.
Mary Elizabeth nickte. »Ich habe ihn ihm geschenkt, als er Kardi­nal wurde, und ihn mir wiedergenommen, als er starb. Als er er­schossen wurde, trug er den goldenen. Den hier wollte ich zur Erin­nerung.«
»Ein Symbol?«
»Für eine unsterbliche Liebe, Lar.«
»In der Tat.«
»Es gab eine Zeit«, sie erhob sich anmutig von der Couch, auf der sonst die Kundschaft des Pastors sitzt, »in der hätte man das nicht für möglich gehalten.«
Im Flur vor meinem Büro sagte sie: »Passen Sie gut auf ihn auf, Jackie. Er ist so ein guter Mensch.«
»Ich werd’s versuchen, Mrs. Quinlan, aber er macht es uns nicht gerade leicht.«
Sie lachten beide – zwei Klatschweiber, die sich über die Genera­tionen hinweg verschworen.
Noch im Gehen deutete sie auf den Umschlag unter meinem Arm. »Nachdem ich das geschrieben hatte, kam ich zu dem Schluß, daß ich bei all den vielen Fehlern, die ich gemacht habe, unterm Strich doch nichts bedaure.«
Ich sah ihr nach, als sie die Treppe des Pfarrhauses hinunter zu ihrem Wagen ging, der am Straßenrand stand. Ich fragte mich, wie viele Leute das bei einem Rückblick auf ihr Leben wohl behaupten konnten.

Written By
More from admin

Pause des Schweigens gefällig?

Übersetzer sollten sich für ihre Sprache oder besser ihre Sprachen – es...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.