Tom Wolfes Acid Test

Tom Wolfes Electric Kool-AId Acid Test in der deutschen Übersetzung von Bernhard Schmid.

Keineswegs der Anlass für die Neuauflage der Übersetzung, aber immerhin ein netter Zufall: Das 25-jährige Jubiläum der Übersetzung trifft sich mit Jan de Bonts Verfilmung von Tom Wolfes The Electric Kool-Aid Acid Test. Und nicht nur war der Heyne-Verlag so freundlich, die Übersetzung nochmal aufzulegen, er hat mir kulanterweise auch Gelegenheit gegeben, sie etwas aufzupolieren. Und auch wenn ich es selbst sage, es ist die beste Übersetzung des Acid Tests, die Sie je lesen werden.

Der Acid Test hat nicht nur Wolfes Ruhm begründet, er ist auch, da sind alle sich einig, immer noch sein bestes Buch.  Die deutsche Übersetzung erschien 1986 beim Eichborn-Verlag unter dem Titel Unter Strom; ob das in Anlehnung an Jack Kerouacs Unterwegs gedacht war, weiß ich nicht, ich hatte keinen Einfluss darauf, fand den Titel auch völlig in Ordnung, obwohl mein Vorschlag – wie ich mich entsinne – Der Starkstrombrause-Säuretest war. Es ist ein abgefahrenes Buch über das abgefahrenste Unterfangen der Menschheitsgeschichte, die Veränderung des Menschen in ein Wesen, das ohne Psychospielchen, Kriege und Ängste in der absoluten Gegenwart zu existieren vermag. Das rechtfertigt einen abgefahrenen Titel. Dass Acid, also LSD, damals bei uns auch unter „Säure“ firmierte und „Säuretests“ – die die Doppelbedeutung des Wortes ausmachen – in der Technik Gang und Gäbe sind, war der Hintergrund meines Vorschlages. „Esset“ gab es damals hierzulande auch, das hätte ich ganz gerne in der Übersetzung gesehen, aber so manches, was ich noch gern gehabt hätte, schien wohl damals schon zu verwegen. Was soll’s. Es ist der beste Acid Test diesseits des Originals.

Die Verfilmung von Jan de Bont hat auf sich warten lassen, und ich bin ehrlich gesagt auch noch nicht einmal sicher, ob ich sie sehen will. Und das obwohl Twister zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Es geht hier um eine Zeit, von der ich noch den letzten Zipfel – die Hippie-Phase oder besser deren Zerfall – erwischt habe, eine Zeit, die einmalig war in der Weltgeschichte, weil einfach alles möglich schien. Heute kann sich das niemand mehr vorstellen. Heute scheint nichts mehr möglich. Und wenn am Horizont doch noch einmal etwas auftauchen sollte, dann werden es als erstes die Trendscouts entdecken und bei der alles beherrschenden Konzernwelt verpetzen; die wird das dann kommerzialisieren und dem Rest der Welt als Produkt vorsetzen. In zwölf Varianten, versteht sich, um Individualität zu suggerieren. Noch nicht einmal der Traum von der Freiheit, die damals möglich schien, könnte heute noch bestehen..

Die Übersetzung, Willi Winkler hat sie ein Jahr später in der Zeit als „brillant“ bezeichnet, brachte mir auch einen Anruf von Hannibal ein; Robert Azderball, der legendäre Gründer des Verlags, bot mir an, Rock Scullys Geschichte der Grateful Dead zu machen, eine Übersetzung, die mir eine langjährige und schöne Zusammenarbeit mit Hannibal bescherte. Auch wenn diese heute längst den Bach runter ist, Robert Azderball hat seinen Verlag schon vor Jahren verkauft und verbringt seinen verdienten Ruhestand in Italien.  Ich denke jedenfalls gern an unsere Kabbeleien ums liebe Geld zurück; er hat mir immer besondere Sachen angeboten wie etwa Michael Schumachers Allen Ginsberg-Biografie oder Charles Shaar Murrays phantastisches Buch über John Lee Hooker, ganz nebenbei auch eines der besten Bücher über den Blues.

Zu schön wäre es, würde das Buch ein weiteres Mal in kundige Verlegerhände fallen, die dann zum Telefon greifen. Falls einer von denen die Übersetzung für „abgefahren“ halten sollte – es ist ein abgefahrenes Buch! Um zu sehen, dass es sich um eine konsequente Übersetzung handelt, empfehle ich, doch zum Vergleich mal einen Blick in meine Übertragung von Bruce Wagners Chrysanthemen-Palast zu werfen. Das ist stilistisch das Gegenteil. Und achten Sie bitte dort auf den Unterschied zwischen dem überkandidelten Anfang und der ausgeglichenen stilistischen Ruhe später im Buch.

Übersetzen ist ein Handwerk. Ein Schuster sollte in der Lage sein, Ballett- wie Haferlschuhe zu fertigen. Ein Übersetzer überträgt Abgefahrenes abgefahren, Hochgestochenes hochgestochen, Schlichtes schlicht, das Original sollte hier Maßgabe sein – dass man dazu imstande ist, das setzt man beim Handwerk voraus.

Verfilmung von Jan de Bont hat auf sich warten lassen, und ich bin ehrlich gesagt auch noch nicht einmal sicher, ob ich sie sehen will. Und das obwohl Twister zu meinen Lieblingsfilmen gehört. Es geht hier um eine Zeit, von der ich noch den letzten Zipfel – die Hippie-Phase oder besser deren Zerfall – erwischt habe, eine Zeit, die einmaliger war als irgendeine sonst in der Weltgeschichte, weil einfach alles möglich schien. Heute kann sich das niemand mehr vorstellen. Heute scheint nichts mehr möglich. Und wenn am Horizont doch noch einmal etwas auftauchen sollte, dann werden es als erstes die Trendscouts entdecken und bei der alles beherrschenden Konzernwelt verpetzen; die wird das dann kommerzialisieren und dem Rest der Welt als Produkt vorsetzen. In zwölf Varianten, versteht sich, um Individualität zu suggerieren. Noch nicht einmal der Traum von der Freiheit, die damals möglich schien, könnte heute noch bestehen.
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